Es hat schon eine gewisse Tradition, die Forderungen des „Kirchenvolks-Begehrens“ nach mehr Mitsprache des Kirchenvolkes, einer Öffnung der Weiheämter für Frauen und Verheiratete, einer geänderten Sexualmoral und mehr Barmherzigkeit als – gleichsam nebensächliche – Strukturfragen abzutun. Das Wesentliche sei doch die Frage nach Gott und die Stärkung des Glaubens. Nun fordert jüngst auch Bischof Manfred Scheuer ein Ende des „Strukturfetischismus in der Kirche“ und eine Hinwendung zu Gott.
Diese Argumentation übersieht die Tatsache, dass auch die Strukturen der Kirche von Gott „erzählen“ und damit ein bestimmtes Bild von Gott und Glaube vermitteln. Die Strukturen tun dies sogar wirksamer und nachhaltiger als das Reden von Gott in der Predigt der Kirche. Denn so wie bei einem Menschen die Körpersprache mehr von der inneren Haltung und Einstellung verrät als die gesprochene Sprache, so verraten auch die Strukturen einer Gemeinschaft, also ihre „Körpersprache“, mehr vom Glauben als hehre Worte. Und wenn beide im Widerspruch zueinander stehen, sagt die Körpersprache sogar mehr über das wahre Wesen aus.
Wovon erzählen nun aber die Strukturen der Kirche? Von einem Gott, dem angeblich eine absolutistische Monarchie lieb und die Demokratie suspekt ist; dem angeblich unverheiratete, sexuell enthaltsame Männer als Priester lieber sind als Frauen und Verheiratete; dem angeblich das Festhalten am kirchlichen Zölibatsgesetz wichtiger ist als die Gewährleistung einer regelmäßigen Eucharistiefeier; dem angeblich Enthaltsamkeit, eine gewisse Leib- und Lustfeindlichkeit sowie heterosexuelle Beziehungen lieber sind als eine lebensbejahende, freudvolle Sexualität auch jenseits von Fruchtbarkeit und Zeugung und dem angeblich das strenge Einhalten von Gesetzen und Geboten wichtiger ist als das barmherzige Auffangen von Menschen in schwierigen Lebenssituationen.
Wollen wir wirklich, dass die Strukturen unserer Kirche von einem solchen Gott erzählen und sich damit mitschuldig machen an einem völlig verzerrten, verdunkelten Gottesbild, an das Menschen unserer Zeit immer weniger glauben können?
Die Bibel und vor allem Jesus Christus erzählen definitiv von einem anderen Gott: der die Mündigkeit und Teilhabe der Menschen fördert (siehe Sakrament der Taufe und Firmung), der Menschen unabhängig von Geschlecht, Rasse und Familienstand gerne in seinen Dienst nimmt, der sich freut über die regelmäßige Zusammenkunft seiner Gemeinden in der Eucharistiefeier – unter welcher Leitung auch immer, der sich freut über die volle Entfaltung des geistigen und körperlichen Lebens der von ihm geschaffenen Menschen, damit sie „Leben in Fülle“ haben und das Leben bejahen, und der schließlich seine besondere Liebe und Nähe jenen zuwendet, die es schwer haben im Leben.
Wenn also die Kirche wieder mehr und unverzerrt vom Gott der Bibel und dem Gott Jesu Christi erzählen will – und das ist ihr wesentlicher Auftrag –, dann muss sie das neben der Predigt vor allem auch durch ihre Strukturen, ihr Erscheinungsbild und ihr konkretes Auftreten tun. Ich meine das auch ganz wörtlich: Ein Bild aus dem Vatikan mit lauter alten, unverheirateten Männern oder die Tatsache, dass jeder Messe ausschließlich unverheiratete Männer vorstehen, prägen das Bild von Gott und damit den Glauben viel mehr und nachhaltiger, als viele Vertreter der Kirchenleitung vermuten.
Daher kann die Forderung nur lauten: nicht Schluss mit dem „Strukturfetischismus“, sondern Durchdringung der Strukturen unserer Kirche mit dem Geist des Evangeliums, auf dass auch sie Sprachrohre des Glaubens an den wahren Gott werden mögen!