Der 1. Juli 2026 wird der Katholischen Kirche eine neue alte Kirchenspaltung bringen: In ihrem Hauptsitz Ecône wird die traditionalistische Piusbruderschaft St. Pius X. nach 1988 nun zum zweiten Mal gegen den ausdrücklichen Willen des Papstes Bischöfe weihen. 1988 bedeutete dies den Gang ins Schisma, 2026 wird es nicht anders sein.
Die Piusbrüder, nach ihrem Gründerbischof oft auch Lefebvrianer genannt, stehen für einen der dunkelsten Tage meines Lebens: Am 7. März 1993 erlebte ich als Student in Paris den Überfall der lefebvrianischen Gemeinde auf die Pfarrkirche und Gottesdienstgemeinschaft von St. Germain l´Auxerrois: Während unseres dortigen Sonntagsgottesdienstes strömten plötzlich Hunderte Traditionalisten in die Kirche, um diese mit Gewalt zu besetzen. Ihre Priester fanden unsere Kirche für ihre Gemeinschaft passend und wollten sie daher haben. So einfach war das. 1977 hatte man die Kirche St. Nicolas de Chardonnay – ebenfalls im Herzen von Paris – auf genau die gleiche Weise „erobert“ und von dort waren sie jetzt zu uns gekommen, in die prestigeträchtige Kirche der Könige von Frankreich. Als sie mich mit Gewalt zu Boden brachten und aus der Kirche schleppten, rief ich noch, ob so die Liebe Christi aussehen würde; ihre Antwort: Ich solle das Maul halten, dann würde mir schon nichts passieren.
Seit diesem verstörenden Ereignis, auf das an diesem Tag und in diesem Kontext noch zwei weitere ebenso schlimme folgten, beobachte ich die Sache der Lefebvrianer mit Argwohn. Dieser 7. März hat mich vorsichtig gemacht gegenüber der Priesterbruderschaft St. Pius X., denn ich habe damals gespürt: Es geht diesen Leuten nicht wirklich um die Sache Jesu, es geht ihnen um sich selbst. Um eine Ideologie, die sie stark macht.
Daher hatte ich später oft Vorbehalte, wenn der Vatikan wieder mit der Piusbruderschaft verhandelte. Natürlich muss man immer die Verständigung suchen, aber es gibt Verhalten und Handlungsweisen, innere Einstellungen und äußere Aktionen, von denen wir uns im katholischen Glauben abgrenzen müssen, wenn wir an Welt und Kirche nicht schuldig werden wollen.
Die Vorgänge von Paris zeigen, dass es im Dunstkreis der Piusbruderschaft Menschen gibt, die ihre Überzeugungen fanatisch und radikal über alles andere stellen. Der Überfall von 1993 macht das noch deutlicher als der von 1977: Denn 1977 war die Piusbruderschaft noch eine kleine Splittergruppe innerhalb der Katholischen Kirche und man konnte den Überfall als einen entgleisten Streit unter Katholiken betrachten, doch nachdem 1988 aufgrund der unerlaubten Bischofsweihen Marcel Lefebvre und die betroffenen Bischöfe von Papst Johannes Paul II. exkommuniziert worden waren, bedeutete der 7. März 1993 objektiv betrachtet nicht weniger als einen tätlichen Angriff auf eine fremde Gruppe. Entsprechend stürmte Stunden später ein Großaufgebot der Polizei die verbarrikadierte Kirche, in der die Traditionalisten zwischenzeitlich vor lauter Freude über die erfolgreiche Eroberung gleich eine Tridentinische Messe – trotz Fastenzeit sogar mit Gloria! – gefeiert hatten und brachte die Dinge wenigstens äußerlich wieder halbwegs in Ordnung. Doch es war offensichtlich: Der Überfall war auch ein Angriff auf die gesellschaftliche Ordnung gewesen. Und dies spiegelt ganz generell die gefährliche Tendenz dieser Kreise wider, bestimmte Verhältnisse nicht anzuerkennen, sondern sich die Welt mit egal welchen Methoden so zurechtzurichten, wie man sie gerne hätte. Auch Lefebvre selbst hat mit Sympathien für autoritäre Machthaber und Systeme nicht gegeizt.
Es war Papst Benedikt XVI., der den Piusbrüdern neu zu Aufmerksamkeit und Aufschwung verhalf, indem er 2009 die Exkommunikation einseitig aufhob. Schon sein Motu proprio „Summorum pontificum“ zwei Jahre zuvor, mit dem die Alte Messe als „außerordentliche Form“ des Römischen Ritus anerkannt wurde, war ein großes Zugehen auf das traditionalistische Spektrum gewesen, das die neue Aufmerksamkeit für sich zu nutzen wusste. Der Korrekturversuch von Papst Franziskus mit „Traditionis custodes“ (2021) kam zu spät.
Am 1. Juli 2026 wird die Piusbruderschaft nun gegen den Willen von Papst Leo XIV. abermals Bischöfe weihen: in den Augen des Vatikans ein schismatischer Akt, der automatisch die Exkommunikation nach sich zieht und den der Papst mit einem vom Vatikan veröffentlichten Schreiben an den Leiter der Bruderschaft am 30.6.2026 in letzter Minute noch zu verhindern suchte - wohl vergeblich. Was nun zu erwarten ist, ist die Rückkehr in den Bann von 1988. Mit dem Unterschied, dass die Piusbruderschaft heute stärker ist als damals. Und der große Rest der Kirche durch die jahrelange Rücksicht auf die traditionalistischen Kreise auf seinem Weg in die Zukunft viel Zeit verloren hat.
Und so möchte ich fragen: Lieber Papst Benedikt, der du jetzt schon im Reich Gottes bist: Hat es sich dafürgestanden? Den Traditionalisten so weit entgegen zu kommen und ihnen das weite Feld der Kirche zu öffnen, um dieses traditionalistisch zu missionieren? Hätten wir nicht doch besser auf dem Weg des Konzils bleiben sollen, gegen den sich Erzbischof Lefebvre so klar positionierte? Wäre es nicht klüger gewesen, Lefebvres kleine Herde ihrer eigenen Wege ziehen und die große Kirche ihren Weg durch die Zeit nehmen zu lassen? Ohne Angst und Scheu in die moderne Welt hinein? Warum nur hast du anders entschieden???