Gegen die theologisch-spirituelle Überhöhung der Amtsträger

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Ein Bekenntnis des Essener Generalvikars Klaus Pfeffer anlässlich der Missbrauchsenthüllungen im "Fall Kardinal Hengsbach" am 25.6.2026.

Heute haben die Forschungsinstitute, die seit zwei Jahren die Vorwürfe sexualisierter Gewalt gegen Kardinal Hengsbach untersuchen, einen Zwischenbericht vorgelegt: Der Bericht ist ein Weckruf - zuerst für uns im Bistum Essen, aber auch ‎für die katholische Kirche weit über Essen hinaus. Im Bericht heißt es: "Die Vorwürfe, die Franz Hengsbach ‎zur Last gelegt werden, werfen ein Licht auf die Widersprüche in der katholischen Kirche im ‎‎20. Jahrhundert“ [und] „entlarven die öffentliche und lehrmäßige Strenge als eine ‎Fassade, die nach außen moralische Autorität beanspruchte, während im Inneren ‎Grenzverletzungen und sexuelle Gewalt ermöglicht und verdeckt wurden“.

Auch im 21. Jahrhundert sind wir in der katholischen Kirche nach wie vor in vielerlei ‎Widersprüchen verfangen; halten äußerliche Fassaden aufrecht, weil Lehren und ‎Strukturen als unantastbar gelten. Am "Fall Hengsbach" wird unmissverständlich sichtbar, wohin das geltende Verständnis des Weiheamtes führen kann, wenn es Menschen eine unantastbare, nicht zu hinterfragende und ‎unkontrollierbare Macht verleiht.‎ Bis in die Gegenwart hinein wirkt die maßlose Überhöhung des Gründerbischofs - und das führte dazu, dass Betroffenen sexualisierter Gewalt kein Glauben geschenkt wurde. Und das führte letztlich auch dazu, dass auch wir in den letzten Jahren Versäumnisse und Fehler im Umgang mit Hinweisen und Meldungen zu Vorwürfen gegen Hengsbach eingestehen müssen. Aber es ist so wichtig, dass wir diesen Weg der schonungslosen Aufarbeitung gehen. Fehlern stellen wir uns, gestehen sie ein und lernen daraus - und gehen den Weg der Aufarbeitung weiter, damit Veränderungen in Kirche und Gesellschaft möglich werden, um sexualisierte Gewalt zu bekämpfen.

Bemerkenswert ist bei der Aufarbeitung der Vorwürfe gegen Kardinal Hengsbach, dass sich eine große Zahl von Menschen gemeldet hat, die über einen destruktiven Machtgebrauch und herabwürdigendes, ‎übergriffiges Verhalten durch Franz Hengsbach berichten. Viele von ihnen konnten ‎darüber offenbar lange Jahre nur hinter vorgehaltener Hand sprechen. Ihre Berichte ‎wecken bei mir viele eigene Erinnerungen, denn ich habe Kardinal Hengsbach noch als ‎Priesteramtskandidat erlebt – und zwar als einen Bischof, der hochgradig autoritär ‎auftreten konnte, der überwiegend nur seine eigenen Ansichten gelten ließ und uns ‎junge Erwachsene in keiner Weise ernst nahm. Ich war auch selbst Zeuge, wie ‎Hengsbach mit Priestern umging, die nicht seinem Bild entsprachen: Sie wurden übelst ‎abgewertet und gedemütigt. ‎

Kritik an Kardinal Hengsbach war über viele Jahrzehnte kaum möglich. Seine ‎Überhöhung schuf eine Atmosphäre, in der kritische Fragen ‎keinen Raum fanden, weit über seinen Tod hinaus. Manche seiner früheren Weggefährten ließen und lassen bis in die Gegenwart keine Bereitschaft erkennen, ihr Bild ‎der "Lichtgestalt" des ersten Ruhrbischofs zu hinterfragen. Der Zwischenbericht weist einem seiner engsten früheren Mitarbeiter sogar eine „Schlüsselrolle“ im Blick auf das jahrzehntelange Verschweigen der Vorwürfe ‎gegen Hengsbach zu, weil er Vorwürfe kannte, der Betroffenen aber bis zu seinem Tod keinen Glauben schenkte. ‎

Aufarbeitung sexualisierter Gewalt und auch des Machtmissbrauchs in unserer Kirche bedeutet auch, die gefährlichen theologisch-spirituellen Überhöhungen zu verstehen, die ‎Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt durch kirchliche Amtsträger ermöglicht ‎haben. Es bleibt eine große Aufgabe, aus dieser Erkenntnis Konsequenzen zu ziehen. ‎Dafür werde ich weiter eintreten und mich engagieren.