Man wird dem Papst nicht in jedem Punkt widersprechen können: Die Entwicklung der Kinderzahlen pro Familie in Europa ist besorgniserregend und hat einen neuen dramatischen Tiefpunkt erreicht: Betrug die Fruchtbarkeitsrate - also die Zahl der Lebendgeburten pro Frau - in der Europäischen Union im Jahr 1964 2,62, lag sie 2024 bei 1,34: ein Einbruch um fast die Hälfte.
Natürlich gibt es Unterschiede von Land zu Land, aber tatsächlich liegt die Gesamtfruchtbarkeitsrate in jedem einzelnen Land der EU deutlich unter der Bestandserhaltungsgrenze von 2,1 Lebendgeburten pro Frau. Und das bereits seit Jahrzehnten! Auf gut Deutsch: Die Zukunft Europas ist gefährdet. Und es ist auch nur ein bedingter Trost, dass der weltweite Trend - wenn auch nicht in dieser Deutlichkeit - ebenfalls in diese Richtung zeigt.
Papst Leos Sorge ist also durchaus berechtigt. Und er gibt auch keine billige Devise aus, weiß vielmehr, dass die Ursachen der demografischen Krise ebenso vielfältig sind wie ihre Folgen. Deshalb fordert er innovative Ideen, die darauf basierten, dass die Ehe zwischen Mann und Frau die Grundlage für die Familie und die Gesellschaft sei. Der Rückkehr zu Gesellschaftsmodellen der Vergangenheit verwehrt sich der Papst glücklicherweise, vielmehr legt er den Männern und Frauen der Gegenwart Prinzipien ans Herz. Dazu gehören die Bedeutung und der Wert des Lebens sowie die Beantwortung der Frage, was eine authentische menschliche Gesellschaft ausmache. Dass der Papst von der Politik die Entwicklung entsprechender Leitlinien und ihre Umsetzung in den Ländern und auf EU-Ebene forderte, überrascht nicht, zumal er seine Ausführungen vor einer (fraktionsübergreifenden) Gruppe von Mitgliedern des EU-Parlaments darlegte. Und dass er Christinnen und Christen in der EU in diesem Sinne in die Pflicht nehmen will, ist auch keine Überraschung. Denn nur ein neuer Frühling für die Familie könne den demografischen Winter einer alternden Gesellschaft verwandeln, so der Papst. Und daran könnten und müssten eben auch die Christinnen und Christen mitwirken.
So weit, so gut. Aber - so frage ich mich: Könnte es nicht sein, dass auch die Katholische Kirche und ihre Führungscrew ihre Lebensphilosophie ändern müssen und nicht nur alle anderen? Immerhin ist das Thema Vaterschaft, das der Papst in seiner Rede ansprach, für Priester und Bischöfe ein mehr als heikles Thema. Und wenn der Papst kritisiert, dass in Europa eine Politik am Werk sei, die die Grundlage des Wunsches einer Familiengründung untergrabe, dann kann man diese Kritik 1:1 an den klerikalen Stand der Kirche rückspiegeln. Immerhin ist es für dessen Mitglieder verboten, eine eigene Familie zu gründen.
Warum eigentlich? - Seien wir vorsichtig mit Antworten! Denn es könnte sein, dass Antworten sonst in sehr ähnlicher Weise auch von denen ins Treffen geführt werden, die in der säkularen Gesellschaft eben keine Kinder bekommen wollen: Priester müssten ganz für die ihnen anvertrauten Menschen da sein? - Achtung: Gilt das nicht auch für Ärzte, Bürgermeister, Lehrkräfte?? Die Kirche sollte sich hüten, für den Stand der Kleriker eine Ausnahme von der Solidarität zu verlangen, zu der sie die anderen hinführen will.
Wünschenswert wäre vielmehr eine Freigabe des Zölibats: Wer Priester und Familienvater sein will, der soll es sein dürfen. Dann hätte die Kirche die Möglichkeit, anhand ihres wichtigsten Führungspersonals zu zeigen, wie Familie geht. Aber davor hat man womöglich Angst.
Roman Fürst