Im Rahmen des JOURNALISMUSFESTES in Innsbruck besuchte ich eine spannende Veranstaltung im Haus der Begegnung. Es ging darum, wie Religion zu einer politischen Waffe geschmiedet wird, durchaus nicht nur in den USA, aber vor allem dort. Völkisch-nationale Katholik*innen und Evangelikale verbinden sich zu einem Netzwerk, das inzwischen schon deutlich wahrnehmbar auch in Europa seine Fäden spannt. Es geht um das Ziel, eine „christliche Ordnung“ für Gesellschaft, Kultur und Staat herzustellen. Dabei werden unsere gewohnten christlichen Denkfiguren und Wertvorstellungen benutzt, verdreht und zur Kampfrhetorik stilisiert. Wir kennen das auch von woanders: Auch Russland bemüht sich um theologische Begründungen für seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine.
In dieser sogenannten „christlichen Ordnung“ – man kann durchaus auch vom Bemühen um einen „Gottesstaat“ sprechen - , sind allerdings die christlichen Werte Nächstenliebe, Empathie, Geschwisterlichkeit und „gleiche Rechte, gleiche Würde für alle“ nicht vorgesehen. Vielmehr geht es um einen Kulturkampf, in dem Andersdenkende keinen Platz haben und bekämpft werden.
Schon lange nicht mehr habe ich bei einer Abendveranstaltung 90 Minuten so aufmerksam zugehört und jedes Wort interessiert wahrgenommen. Besonders fasziniert hat mich das große Expertinnenwissen und die lebhafte Redeweise von Michaela Quast-Neulinger.
Heimgegangen bin ich im Bewusstsein, dass es viel zu kurz gegriffen ist, Trump einfach nur zu belächeln und auf einen Nachfolger zu hoffen, der dann vielleicht doch wieder „normal“ sein würde. Zu mächtig sind inzwischen die rechtspopulistischen und rechtsextremen Seilschaften, auch bei uns.
Martha Heizer
Am Podium waren:
Katharina Limacher, Programmmanagerin der Vienna Doctoral School of Theology and Research on Religion (VDTR) mit Schwerpunkt auf die Neue Christliche Rechte in Österreich und Europa
Gionathan Lo Mascolo, Stellvertretender Direktor von Faith in Democracy, Herausgeber „The Christian Right in Europe. Movements, Networks, and Denominations“ (2023)
Michaela Quast-Neulinger, Theologin und Religionswissenschaftlerin am Institut für Systematische Theologie, Universität Innsbruck
Moderation: Georg Löwisch, Gründungsressortleiter des Politischen Feuilletons der ZEIT