Dass das Internet voll ist von seltsamen und hochproblematischen Websites, die vorgeben, Informationskanäle zu sein und dabei doch alle Regeln journalistischer Qualität vermissen lassen ist nichts Neues. Und dass derlei Unseriöses auch vor der christlichen und insbesondere katholischen Welt nicht Halt macht, ist auch nicht verwunderlich. Was dann aber doch überrascht, ist, dass auf diesen Seiten immer noch billige Diskussionsmuster verfangen, die man eigentlich längst überwunden glaubte.
So aktuell zu beobachten in den Kommentaren zu einem Artikel auf gloria.tv über den bevorstehenden Rückzug von Toni Faber als Dompfarrer von Wien. Gloria.tv orientiert sich nach eigener Darstellung streng an der katholischen Lehre, doch haben sich offizielle Stimmen der katholischen Kirche in Deutschland und der Schweiz wiederholt deutlich von gloria.tv distanziert; die Online-Enzyklopädie wikipedia stuft die Website als antisemitisch ein und weist darauf hin, dass sie anonym betrieben und der Server-Standort verschleiert wird. Nichtsdestotrotz scheint gloria.tv über treue Leser:innen zu verfügen, von denen viele meinen dürften, dass sie "besonders katholisch" wären.
Unter der Überschrift "Wiener Erzbischof bestätigt Ruhestand für Rektor des Stephansdoms" wurden am Pfinstsonntag 2026 der Erzbischof von Wien als "pro-homosexuell" und der Dompfarrer von Wien als "Society-Priester" sowie als "Rev. Faber" dargestellt, bevor die Geschichte von der für Sommer 2027 angekündigten Ablöse Fabers aufgerollt und dabei dargestellt wurde, dass Faber " jahrelang mit einer Frau an öffentlichen Tanzfesten teilgenommen und das Zölibat in Frage gestellt" habe.
Während einschlägige Nebenbemerkungen wie die Zuschreibung "pro-homosexuell" an Grünwidl oder auch die Behauptung, Erzbischof Grünwidl wäre "eine der vielen fragwürdigen Ernennungen von Leo XIV" durchaus dem stets wiederkehrenden demagogischen Muster von gloria.tv entsprechen und daher nicht mehr überraschen können, sind die einzusehenden Einträge in den Kommentaren zum Artikel doch mehr als verwunderlich.
Diese beschäftigen sich nämlich weder mit dem konkreten Fall von Toni Faber selbst noch mit dem ursächlichen Thema des priesterlichen Zölibats, sondern nahezu ausschließlich mit der Rolle der Frau als Verführerin. Der eine User findet es "traurig, dass es solche Frauen gibt, die Priester vom Weg Gottes abbringen", der andere meint zu wissen, es würde einer Frau Macht verleihen, einen Gott geweihten Priester zu verführen und "zu Fall zu bringen". Der dritte wieder erinnert an die alte Geschichte von Adam und Eva und unterstellt den betroffenen Frauen, den Priester bloß wegen eines Events oder eines Kicks zu verführen. Hoppala: Schon einmal daran gedacht, dass es vielleicht auch Liebe sein könnte?
Zölibat hin oder her, Kirchenrecht hin oder her: Es hat nichts mit Christlichkeit zu tun, so über einen Priester und die Frau an seiner Seite zu reden oder zu schreiben. Noch weniger, die betroffene Frau mit einer "Schmeißfliege" zu vergleichen. Und ob man den alten Mythos von Adam und Eva hier wirklich bemühen darf, das sei auch bibeltheologisch ernsthaft in Zweifel gezogen. Wahrscheinlich haben solche Statements weniger mit der Bibel und der katholischen Lehre zu tun als mit dem problematischen Selbst- und Frauenbild der verfassenden Personen.
Harald Prinz