Verbotene Predigt

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Harald Prinz hat am Sonntag in einer Eucharistiefeier gepredigt. Eine Gewissensergründung.

Vergangenen Sonntag habe ich in einer Eucharistiefeier gepredigt. Die Kirche war voll, auf der Sedes saß ein Jubilar: Wir feierten das 60jährige Jubiläum seiner Priesterweihe. Die Pfarre hat ihm ein schönes Fest bereitet: schon vor dem Gottesdienst zur Einstimmung auf der Leinwand Fotos aus seinem Priesterleben, in der Messe Musik von Chor und Orgel, nach dem Gottesdienst Agape und Pfarrcafé, dazu sogar noch eine berittene Garde, die den Jubilar am Kirchenportal empfing. Es war schön und der 84jährige Jubilar war gerührt - und am Rande seiner Kräfte.

Im Gottesdienst hatte er nur wenige Aufgaben gehabt: Sein liturgischer Gruß zu Beginn des Gottesdienstes hat die Gemeinde gefreut, das Lesen des Evangeliums - die Sendung von Maria Magdalena durch den Auferstandenen - wäre ihm fast zu stark geworden, beim Hochgebet und der Wandlung stützte ich ihn gemeinsam mit der Pastoralassistentin. Während des eucharistischen Teils dachte ich kurz, ob wir uns ihm zuliebe die einzelnen Teile nicht hätten aufteilen sollen: abwechselnd von ihm und mir und der Pastoralassistentin gesprochen; das wäre natürlich gegen die liturgischen Normen gewesen, aber für ihn wäre es hilfreich gewesen. Andererseits, so dachte ich danach: Wer weiß, wie oft er noch selbst zelebrieren wird und ob es nicht vielleicht überhaupt das letzte Mal war, dass er die eucharistischen Gebete sprach. Es war schon gut, wie es war.

Die Predigt aber, um die hatte er mich gebeten. Und darüber war ich froh, da ich wusste, wie sehr es ihn überfordert hätte, sich selbst predigend an die Gemeinde zu wenden. Und umgekehrt auch diese. So aber hatte ich die Möglichkeit, ihm in der Predigt für seine 60 Jahre seelsorgerischen und priesterlichen Dienst zu danken, dabei eine Brücke zwischen Maria Magdalena und ihm zu schlagen und auch der Gemeinde gegenüber herauszusarbeiten, was christliche Sendung heute bedeuten kann. Für ihn, für die Gemeinde und auch für mich war das alles sehr passend. Auch gut und würdevoll, und in einem positiven christlichen Sinn war es vielleicht sogar missionarisch. Ja, auch das darf sein: dass die Mitfeiernden eine Predigt nicht nur absitzen, sondern sich etwas mitnehmen ins eigene Leben, fürs eigene Christsein.

Die Crux aber ist, dass ich kein Priester bin. Und daher in einer Eucharistiefeier nicht predigen darf. Dass ich Theologie studiert habe, rhetorisch nicht ganz unbegabt bin und mittlerweile jarzehntelange Predigterfahrung habe, tut da nichts zur Sache. Ich bin Laie und darf in einer Eucharistiefeier nicht predigen. Aus.Punkt.Amen. Der Vatikan hat das gerade erst wieder klar gemacht. Davon wusste ich bei meiner Jubiläumspredigt freilich noch nichts. Erst zwei Tage danach hat die deutsche Bischofskonferenz das Machtwort Roms veröffentlicht. Aber natürlich wusste ich generell um das grundsätzliche Nein des Kirchenrechts - und habe mich nicht darum geschert. Hätte ich sollen?

Kardinal Roche in Rom wird wohl sagen: "Ja!" - Aber was wäre dann gewesen? Hätte der Jubilar selbst predigen sollen? Wie schon gesagt: Er hätte es nicht vermocht. Hätte es gar keine Predigt geben sollen? Das wiederum ist für ein solches Fest und überhaupt jeden Gottesdient - erst recht sonntags - unwürdig. Hätten wir das Fest gar nicht stattfinden lassen sollen? Aber war es nicht doch schön, dieses Fest noch zu Lebzeiten des Altpfarrers zu feiern und ihm nicht erst bei seinem Begräbnis Dankesrosen zu streuen? Das zumindest meinte eine Mitfeiernde, die dankbar war für dieses Fest. Wie also hätte es sonst sein sollen??

Und genau diese Frage, wie es sonst gehen soll, ist es, die Rom nicht stellt. Kardinal Roche signalisiert Verständnis für die pastorale Not in Deutschland - die in Österreich nicht anders ist und auch in Frankreich nicht und in Holland nicht und in Brasilien nicht und und und ... - , aber er bleibt trotzdem beim kirchenrechtlich bedingten Nein - das es noch dazu bis 1983 in dieser Form gar nicht gegeben hat. Und macht sich nicht wirklich die Mühe, darüber nachzudenken, wie pastorales Handeln bzw. würdiges Feiern der Eucharistie in solcher Situation gehen kann. Denn sein Hinweis, dass sich die Priester bitte ständig fortbilden sollten, um gut predigen zu können, läuft im Hinblick auf unseren Jubeläumsgottesdienst ins Leere. Eine Fortbildung für unseren 84jährigen Pfarrer hätte nämlich genau gar nicht geholfen. Und da ist er nicht das einzige Beispiel: Wie oft hört man von ausländischen Priestern, die des Deutschen nicht so mächtig sind, dass sie sprachlich gesehen verständlich predigen können? Die kann man freilich in einen Sprachkurs stecken, aber es gibt welche - so ehrlich muss man sein - die werden es nie so hinbekommen, wie es nötig wäre. Und dann wieder gibt es welche, die es rhetorisch nicht auf den Punkt bringen. Und andere, die theologisch nicht auf der Höhe sind. Oder eben welche, die aus Alters- oder Gesundheitsgründen nicht mehr die Kraft aufbringen, die es braucht. Darf das alles sein?, möchte man fragen. - Ja, es darf sein. Es muss nicht jeder Priester perfekt Deutsch können, muss nicht jeder jung und agil sein, muss nicht jeder ein Doktor der Theologie sein und muss nicht jeder herausragend predigen können. Aber die, die man predigen lässt, die müssen es können. Ich stelle mich auch nicht hin, um das Exsultet zu singen. Und warum? Weil ich es nicht kann. Und darum denen überlasse, die auch die Fähigkeit dazu haben.

Verkündigung ist nicht nur eine Frage der Bereitschaft und der Authentizität, sondern auch eine Frage der Fähigkeit. Das gilt auch für das Predigen. Wer predigt, muss es gern tun, muss glaubwürdig sein und muss es können. Des Evangeliums und der Menschen willen. Wenn Rom das anders sieht und vor allem anders handhabt und anders verlangt, versündigt es sich: an den Menschen und am Evangelium.

Und ich? Habe ich mich auch versündigt, weil ich für meinen alten Pfarrer - der mich übrigens als Kind getauft hat und zu dem ich daher eine besondere Beziehung habe - in seiner Jubelfeier gepredigt habe? Ich glaube nicht.

Foto: Peter Schrack