Wie ernst nehmen wir uns selbst?

Wasser predigen, Wein trinken – der alte Vorwurf an die Kirche lässt sich auch heute noch vielfach belegen.

Mitte August 2026 veröffentlichte die Linzer Kirchenzeitung den Leserbrief eines Herrn, der an einem Sonntagnachmittag eine Radtour zum Linzer Dom unternahm und erstaunt feststellen musste, dass auf dem Domplatz „fleißig und lautstark gearbeitet wurde … – laut piepsende Stapelfahrzeuge inklusive“. Was er sah, waren die Abbauarbeiten der Bühne von „Klassik am Dom“. Und er mokkierte sich: „Von Sonntagsruhe keine Spur!“ Zu Recht erinnerte er an die Aussendungen der Kirche zur Sonntagsruhe und fragte „Alles nur eine hohle Phrase?“

Eine Woche später griff ein anderer Leser einen bereits älteren Beitrag der Linzer Kirchenzeitung auf, der dem Thema der „Entsiegelung“ von beispielsweise zubetonierten Flächen gewidmet war. Dieser Leser schrieb: „All diesen Aufrufen fehlt aber das Wichtigste: eine Vorbildfunktion. Und gerade hier könnte die Diözese als Vorbild für die Pfarrgemeinden dienen und die riesigen zubetonierten Flächen rund um den Linzer Dom drastisch entsiegeln …“

Ich lege noch ein drittes Thema dazu: Am 2. September 2026 forderte die vatikanische Beobachtermission bei den Vereinten Nationen in New York im Rahmen einer Sitzung zum Thema „Die Führungsrolle von Frauen bei der Förderung einer Kultur des Friedens“, dass Frauen „eine viel größere Rolle in all diesen Prozessen spielen [sollten], die darauf abzielen, durch Gewalt und Chaos zerrissene Gesellschaften zu heilen“. Weiter betonte die vatikanische Delegation unter Verweis auf Papst Leo XIV., dass „konkrete Entscheidungen“ notwendig seien: Es reiche nicht, allein die gleiche Würde von Männern und Frauen zu erklären, es brauche konkrete Gesetze, den Zugang zu Beschäftigung und Bildung, soziale und politische Verantwortlichkeiten für Frauen sowie mehr gesellschaftliche Wertschätzung von weiblichen Beiträgen in der Gesellschaft.“

Man könnte noch weiter Themenfelder nennen, in denen sich eine Kluft auftut zwischen dem, was die Kirche sagt und dem, was sie tut. Nach dem Afd-Sieg in Sachsen-Anhalt würde es sich anbieten, auch das Thema Demokratie in diesen Reigen aufzunehmen: Wie viele Bischöfe haben in den vergangenen Tagen und Wochen glaubhaft ihre große Sorge um die Zukunft der Demokratie geäußert? Dabei wird die Demokratie im Hinblick auf die Kirche selbst immer wieder heruntergemacht, auch manche Bischöfe und sogar Päpste versteigen sich mitunter geradezu zu einem Demokratie-Bashing.

Für mich stellt sich in all dem ganz deutlich die Frage nach der Glaubwürdigkeit, und zwar nicht nur nach außen, sondern auch nach innen. Ich frage mich: Wie ernst nehmen wir uns selbst? Es kann doch niemand ernsthaft den Staaten und Wähler:innen dieser Welt Demokratie ans Herz legen wollen, der genau diese Demokratie für die eigene Institution ablehnt! Es kann doch niemand ernsthaft die Gleichberechtigung von Frauen in allen Bereichen der Gesellschaft fordern, der genau diese Gleichberechtigung in der eigenen Institution nicht verwirklicht! Es kann doch keine Diözesanleitung den Pfarrgemeinden Umweltbewusstsein verordnen, wenn sie bei den diözesanen Bauten ganz anders handelt. Und es kann doch kein Kirchenmann die Menschen zur Sonntagsruhe rufen, wenn er auf der eigenen Baustelle selbst Sonntagsarbeit verrichten lässt.

Hinter all dem steht der schwierige Schritt von theoretischer Einsicht zu praktischer Umsetzung: In der Theorie haben wir alles halbwegs gut erkannt, und darüber zu predigen ist relativ einfach. Aber das Erkannte ins eigene Tun zu übersetzen, das ist die Herausforderung. Gerade an die aber müssen wir uns als Kirche wagen, ohne allzu rasch faule Kompromisse einzugehen. Sonst nämlich müssen wir uns die vorwurfsvolle Frage des erwähnten Leserbriefschreibers schmerzlich gefallen lassen: „Alles nur eine hohle Phrase?“!

Harald Prinz, 22.9.2026