Zutaten zum Familienglück: Gerechtigkeit und Liebe

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Liebe Mitchristinnen und liebe Mitchristen!

Die biblische Lesung aus dem alttestamentlichen Buch Jesus Sirach, die wir soeben vernommen haben, ist ein Hinweis darauf, wie sehr man sich damals schon in der Zeit des Alten Bundes dessen bewusst gewesen ist, dass Familienglück und Friede in der Familie alles andere als selbstverständlich ist. Nein, man muss sich darum bemühen! – Daher die Mahnungen von Jesus Sirach, wie man sich zu verhalten hat, damit das Familienglück nicht getrübt wird.

Jesus Sirach bleibt nicht im Allgemeinen, er schreibt nicht nur, dass man Vater und Mutter ehren soll, wie das etwa auch in den Zehn Geboten des Mose steht, sondern er präzisiert das, er schreibt beispielsweise, dass das auch dann noch gilt, wenn Vater und Mutter alt werden, wenn sie vielleicht schon ein wenig eigen werden und sie unter dem Rückgang ihrer Lebenskraft leiden. Auch dann sind Vater und Mutter zu ehren.

Zwischen den Zeilen liest man: Generationenkonflikte scheint es in den Familien auch damals schon gegeben zu haben. Und damit ist ein Bereich angesprochen, in dem es kriseln kann, andere wären zu ergänzen, etwa Geschlechterkonflikte oder auch Glaubenskonflikte. Von beiden ist an anderer Stelle der Heiligen Schrift die Rede.

Am Sonntag der heiligen Familie stellt sich nun die Frage, wie solchen Konflikten zu begegnen ist. Eine erste Antwort wäre wohl der Hinweis auf die Gerechtigkeit: Jede Gesellschaft – und eine Familie ist eine kleine Gesellschaft – kann auf Dauer nur dann gut funktionieren, wenn sie in sich gerecht ist. Gerechtigkeit nun heißt nicht „alle über einen Kamm scheren“; Gerechtigkeit ist nicht einfach eine numerische Größe, der zufolge alles exakt gleich aufgeteilt sein muss, Gerechtigkeit kann man auch so verstehen, dass es darum geht, dem einzelnen Menschen gerecht zu werden. Demnach geht es darum, dass jede und jeder in der Familie sich selbst verwirklichen darf, sich entfalten kann und einen guten Platz zum Leben hat.

Wir wissen freilich, dass Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung in jeder Gesellschaft – ob Familie oder Verein, ob Schulklasse oder Arbeitsteam – nicht grenzenlos sein können. Meine Selbstentfaltung kommt dort an ihre Grenzen, wo sie die Selbstentfaltung eines anderen einschränkt. Da muss man sich dann aufrichtig begegnen – und damit kommen wir (neben der Gerechtigkeit) zum zweiten Element einer funktionierenden Familie und das ist die Liebe. Wo jemand liebt, wird er oder sie nicht mehr nur auf sich selbst schauen und auf sein eigenes Wohlergehen achten, sondern das Wohlergehen des anderen an die erste Stelle setzen. Indem das aber auch der andere tut, kann daraus beiderseitiges Wohlergehen und echtes Familienglück erwachsen.

Am heutigen Sonntag nimmt die Kirche die heilige Familie in den Blick und lädt uns damit ein, die romantische Krippenlandschaft ein wenig zu verlassen und darüber nachzudenken, was dieser kleinen Familie damals beschieden war: Das war keineswegs nur Glück und Freude. Nein, da war eine – sagen wir es einmal so – ungeplante Schwangerschaft, da war aber auch eine Mutter, die trotzdem voll zuversichtlichen Herzens JA gesagt hat zu diesem ungeborenen Kind, da war ihr Freund, der wohl versucht war, sie sitzen zu lassen, der dann aber, nachdem ihm ein Engel etwas geflüstert hat, doch geblieben ist und in weiterer Folge alles für die ihm Anvertrauten getan hat. Da war die prekäre Situation der Geburt: Josef und Maria waren gerade ohne feste Bleibe. Flüchtlinge waren sie zwar nicht, aber doch zumindest so weit Fremde, dass man sie nirgends eingelassen hat in ein menschliches Haus und sie stattdessen abgeschoben hat an einen Platz, an den man sonst die Tiere stellt. Eine sichere Geburt – ein sicherer Eintritt ins Leben – sieht anders aus. Und dann war da auch noch die Verfolgung durch Herodes, der in seiner paranoiden Angst dem Kind nach dem Leben trachtete, sodass Josef sich entschied, sich mit Frau und Kind ins Ausland abzusetzen – als Flucht nach Ägypten wird diese Rettungstat Josefs üblicherweise bezeichnet. Aber auch später läuft das Leben nicht immer rund. Jesus kommt in die Pubertät und die einzige Erzählung, die wir über diese Zeit haben – der Zwölfjährige im Tempel – zeigt schon auch an, dass Maria und Josef es nicht immer leicht mit ihm gehabt haben.

Was aber in all diesen Erzählungen über das Leben der heiligen Familie immer wieder durchblickt, das ist die Liebe: die Liebe von Josef, die Liebe von Maria und später kommt diese Liebe dann zurück als Liebe von Jesus.

Der Sonntag der heiligen Familie will nichts verklären: Nein, auch die sogenannte heilige Familie hatte ihre troubles, ihre großen Schwierigkeiten. So wie auch heute viele Familien troubles und Sorgen, Not und vielleicht sogar Existenzängste haben. Aber die heilige Familie hatte eben auch die Liebe, die sie durch alles durchgetragen hat. Möge sich auch in unseren Familien immer wieder die Liebe zeigen, möge auch uns die Liebe in allem durchtragen und – wie vorhin schon erwähnt – möge auch die Gerechtigkeit in unseren Familien einen guten Platz haben!

Zeichnung: Waltraud Kim