Hans Küng: Ich hätte meine Seele verkauft

09.01.2013, Joachim Frank

 

Bereits am 14. Oktober 2012 veröffentlich die Süddeutsche Zeitung nachstehendes Interview von Joachim Frank mit Hans Küng. "Wir sind Kirche" stellt es wegen der historischen Dimension des Inhalts und des behnbrechenden Dogmatikers auf die Homepage.

 

Der Theologe Hans Küng über das Zweite Vatikanische Konzil und das für ihn überholte Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit, über Gotteskrieger und Hoffnungsträger. Und darüber, warum er selbst nie Papst werden wollte.

 

Alle Wege führen nach Rom, heißt es. Nach Tübingen gibt es nicht ganz so viele. „Na, ist Tübingen immer noch die einzige deutsche Universitäts-Stadt ohne ICE-Anschluss?“, witzelte sogar Benedikt XVI., als er Hans Küng 2005 in seiner Sommerresidenz Castelgandolfo zu einem Gespräch traf. Beide waren Berater beim Zweiten Vatikanischen Konzil im Oktober 1962, dessen Reformbeschlüsse den Aufbruch der katholischen Kirche in die Moderne markieren sollten.

 

Küng wohnt nicht so herrschaftlich wie der Papst, aber auch seine Villa in Hanglage hoch über der Tübinger Altstadt kann sich sehen lassen. Ein Stab von Mitarbeitern kümmert sich um Küngs Korrespondenz, sein Œuvre, seine Stiftung „Weltethos“. Schon bevor Gäste das Haus betreten, empfängt der Hausherr sie im Vorgarten: in Bronze gegossen, als Kopfbüste. Das lebensgroße Bildnis Küngs mit den charakteristischen tiefen Wangenfurchen steht auf einer fast mannshohen Stele aus Stein.

 

Joachim Frank: Professor Küng, Joseph Ratzinger und Sie sind fast gleich alt. Beide haben Sie früh eine steile akademische Karriere hingelegt. Hätten da nicht auch Sie Bischof, Kardinal oder gar Papst werden können?
 

Hans Küng: Papst Paul VI. wollte junge Leute in den Vatikan holen und dachte dabei auch an Joseph Ratzinger und mich. Ich weiß nicht, was er mit Ratzinger besprochen hat. Mir aber hat er unter vier Augen geraten, ich solle meine „großen Gaben in den Dienst der Kirche“ stellen, dann stünden mir große Möglichkeiten offen. Das war ganz unverhohlen der Versuch, mich in die Hierarchie einzubinden.

 

Frank: Sie haben abgelehnt?
 

Küng: Ich antwortete: „Heiligkeit, ich stehe doch schon im Dienst der Kirche.“ Ich meinte damit aber nicht die römische Kurie, sondern die Gemeinschaft der Glaubenden. Hätte mich der Papst gefragt, ob ich an einer gründlichen Reform der Kirche mitwirken wolle, hätte ich Ja gesagt. Aber das war nicht gewollt. Deshalb hätte ich meine Seele verkauft, hätte ich mitgemacht. Ich wäre ein zweiter Ratzinger geworden – und vielleicht noch schlimmer.

 

Frank: Schlimmer? Wieso?

 

Küng: Weil ich effizienter bin als er.

 

Frank: Stattdessen sind Sie der ewige Opponent. Ratzingers Nachfolger in der römischen Glaubenskongregation, der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller, erwiderte auf Ihre Kritik an seiner Ernennung: „Da Hans Küng unfehlbar ist, wird es schon stimmen.“ Macht es Spaß, Spottobjekt zu sein?

 

Küng: Das prallt an mir ab. Denn ich stehe weiter in der Mitte der Kirche als Bischof Müller, der es sich mit seinem ganzen Bistum, dem Klerus und den Laien total verscherzt hat. Alle sind doch heilfroh, dass er jetzt nach Rom weggelobt worden ist. Ich komme mir nicht vor wie ein Außenseiter. Ich bin Avantgarde. Mit dem, was ich denke und sage, stehe ich für unzählige Katholiken. Mir ist es wichtig, der Wahrheit gedient zu haben – und nicht einer Karriere.

 

Frank: Am Donnerstag sind Sie der Hauptredner auf einer großen Konferenz in Frankfurt über das Zweite Vatikanische Konzil. Was ist interessant an einem Bischofstreffen vor 50 Jahren?

 

Küng: Als historisches Ereignis ist selbst Katholiken das Konzil heute so fremd wie meiner Generation seinerzeit Erzählungen vom Ersten Weltkrieg. Von Interesse sind nur noch die Sachprobleme, die freilich so brennend sind wie eh und je.

 

Frank: Die haben Sie schon 1965 aufgelistet. Ungelöste Fragen waren für Sie unter anderem: Priesterzölibat, konfessionsverschiedene Ehen, Änderungen bei der Wahl von Papst und Bischöfen. Alles innerkirchliche Probleme – wo ist die Relevanz des Konzils für Nicht-Katholiken?

 

Küng: Epochal – und hoch aktuell – ist das Konzil mit dem Bekenntnis der katholischen Kirche zur Religions- und Gewissensfreiheit. Auch die Neuorientierung zum Judentum und erst recht zum Islam hat Folgen bis in die Gegenwart. Die Wertschätzung der Ökumene reicht weit über den römisch-katholischen Binnenraum hinaus. Betroffen sind alle, die in konfessionell gemischten Familien leben. Und was die moderne Gesellschaft angeht, so formulierte die Kirche im Konzil erstmals eine positive Grundeinstellung und befreite sich so aus ihrem geistigen Ghetto. Das war keineswegs selbstverständlich.

 

Frank: Seit 50 Jahren ist aber nichts Entscheidendes passiert. Eine Kanonade von Büchern aus Ihrer Feder – und die römische Festung steht wie eh und je.
 

Küng: Was noch steht, ist die Fassade. Dahinter fällt diese Kirche in sich zusammen. Die Massen auf dem Petersplatz und in Papstmessen können darüber nicht hinwegtäuschen. Wer aus Rom wieder zurückkehrt in den Alltag der Gemeinden, findet dort alles so elend vor wie vorher. Wir damals, zur Zeit des Konzils, waren begeistert. Es war schön, katholisch zu sein. Diese Zeiten sind längst vorbei. Da nützen alle päpstlichen Macht- und Prachtdemonstrationen nichts.

 

Frank: Sie werden 85 im März. Haben Sie im letzten Fünftel Ihres Lebens das Gefühl, die Zeit läuft Ihnen davon?
 

Küng: Ich weiß, dass ich nicht mehr viel Zeit habe. Aber ich habe unendlich viel erreicht. Die Kirche hat sich gewaltig verändert. Ich glaube, sogar das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit ist aufgrund meiner Kritik so gut wie hinfällig. Einige halten es noch pro forma aufrecht, aber in der Praxis hat es sich erledigt. Also, ich brauche mir um mein Erbe keine Sorgen zu machen. Was ich tun konnte, habe ich getan. Und was ich geschrieben habe, wird bleiben. Ich bin nicht der erste Theologe, dessen Werke ihre Wirkung erst viel, viel später entfaltet haben. Bis Thomas von Aquin als Kirchenlehrer zur theologischen Autorität wurde, hat es Jahrhunderte gedauert. Insofern habe ich tröstliche Vorbilder.

 

Frank: Erwarten Sie noch Bewegung vom amtierenden Papst?

 

Küng: Von dem ist ohnehin nicht mehr viel zu erwarten, seitdem er auf seiner Deutschlandreise vor einem Jahr jegliche Strukturreform ebenso ausgeschlossen hat wie eine wirkliche Verständigung mit den evangelischen Kirchen. Doch eines ist sicher: Mit diesem Kurs der Restauration geht es zu Ende. Was er hinterlässt, ist ein Scherbenhaufen: Weltweit hat der Vatikan versucht, Fälle sexuellen Missbrauchs zu vertuschen. Die Vatikanbank ist in finstere, kriminelle Geschäfte verstrickt. „Vatileaks“ hat all die Possen, Intrigen und Machtspiele am päpstlichen Hof offengelegt. Also wirklich: So kann es nicht mehr weitergehen.

 

Frank: Gilt Benedikt fälschlich als einer, der nach dem Missbrauchsskandal für Reinigung und Erneuerung kämpft?

 

Küng: Joseph Ratzinger hat als Kardinal das Dekret unterzeichnet, das Geheimniskrämerei bei sexuellem Missbrauch zur Vorschrift macht. Jetzt tut er so, als stünde er an der Spitze der Bewegung. Ich wundere mich über all die Schönredner, auch unter Ihren Kollegen. In Wahrheit hat Benedikt XVI. nichts bewegt. Dabei hatte ich nach unserer schönen Begegnung 2005 in Castelgandolfo Hoffnung geschöpft. Ich dachte, er könnte die Kurve kriegen.

 

Frank: Warum? War das nicht ein und derselbe Ratzinger?

 

Küng: Ratzinger ist eben nicht immer ein und derselbe Ratzinger. Er kann sehr schroff sein, kalt und autoritär. Aber auch sehr offen und liebenswürdig. So habe ich ihn in den 60er-Jahren in Tübingen kennengelernt. Und ich hatte das Gefühl, als seien die alten Zeiten wiedergekehrt, wie wir da durch den Garten von Castelgandolfo wandelten und auf Augenhöhe parlierten. Als wäre etwas in ihm aufgebrochen.

 

Frank: Das liegt sieben Jahre zurück.
 

Küng: Ja, und von Veränderung ist nicht die Spur geblieben. Benedikts Amtsführung hat alles nur schlimmer gemacht und zu weiterer Verhärtung geführt.

 

Frank: Sind Sie eigentlich aus Ihrer gemeinsamen Tübinger Zeit per Du?

 

Küng: Damals war das im akademischen Bereich unüblich. Man konnte Freundschaften gut per Sie pflegen. Und so schreibt der Papst „Lieber Herr Küng“ und ich „Heiliger Vater, lieber Herr Ratzinger“.

 

Frank: Sie haben sich ein Leben lang auch für ein friedliches Miteinander der Religionen eingesetzt. Derzeit schlagen weltweit fanatische Muslime um sich, weil sie den Propheten Mohammed beleidigt sehen. In Deutschland gibt es Debatten über das Recht auf Beschneidung. Verzweifeln Sie nie?

 

Küng: Die Programmsätze meines „Projekts Weltethos“ – kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen, und kein Frieden unter den Religionen ohne den Dialog der Religionen – sind dringlicher als je zuvor. Und ich habe mich gefreut, dass Papst Benedikt das vor wenigen Wochen bei seinem Libanon-Besuch aufgenommen hat.

 

Frank: Noch einmal zurück zum Islam …

 

Küng: Die Lage des Islams ist sehr komplex. Die wenigsten Muslime befürworten Gewalt.

 

Frank: Die radikale Minderheit hat aber schon etwas Bedrohliches.

 

Küng: Ich war jüngst am Arabischen Golf. Wenn Sie dort mit Leuten reden, dann sagen sie: „Wann hat denn ein muslimisches Land ein christliches überfallen? Ihr seid in Afghanistan einmarschiert, im Irak, zusammen mit den Israelis im Libanon. Ihr habt uns das ganze 19. Jahrhundert hindurch gedemütigt. Kommt uns nicht mit der Behauptung, ihr verträtet eine Religion der Liebe.“ Der Westen muss sich vorwerfen lassen, dass seine Politik die Extremisten gefördert hat. Und wer will, findet als Moslem immer einen Grund, um gegen „die Ungläubigen“ zu protestieren. Natürlich wird das auch von extremistischen Agitatoren missbraucht.

 

Frank: Ohne Religionen gäbe es aber keine „Gotteskrieger“. Allgemeiner gesagt: Sind die Religionen mehr Fluch als Segen für die Menschheit?
 

Küng: Es wäre ein Leichtes, die nicht religiös motivierten Verbrechen – gerade des 20. Jahrhunderts – aufzuzählen. Hitler, Stalin oder Mao haben mehr Menschenleben auf dem Gewissen als alle Religionsführer zusammen. Ich will dieses Vulgärargument nicht überstrapazieren. Tote gegeneinander aufzurechnen, ist nicht sehr vornehm. Aber es gibt zu denken, dass wir den Fanatismus in allen Spielarten beobachten können. Wer könnte es mehr tadeln als ich, wenn die Religion inquisitorisch, fundamentalistisch und gewalttätig wird! Aber wer als Christ heute zu solchen Mitteln greift, von dem können wir sicher sagen, dass er sich nicht auf Jesus von Nazareth berufen kann. Im Islam ist das schwieriger, weil der Prophet Mohammed auch ein General war und in einer völlig anderen politischen Situation gewirkt hat. Aber auch bei Mohammed finden Sie friedfertige Textpassagen.

 

Frank: Die Religion – ein bestenfalls ambivalentes Phänomen?

 

Küng: Religionen können als Legitimation für Feindschaft, Hass, Zerstörung und Krieg herangezogen werden. Sie können aber auch die Basis für Versöhnung, Frieden und sozialen Fortschritt sein. Denken Sie an die US-Bürgerrechtsbewegung mit Martin Luther King, einem Pastor, an der Spitze, an die Überwindung der Apartheid in Südafrika oder an die friedliche Revolution in der DDR mit dem wesentlichen Beitrag der evangelischen Kirche. Die Religion braucht sich nicht zu verstecken.

 

Interview: Joachim Frank

 

Zur Person Hans Küng:

Geboren 1928 in Sursee (Kanton Luzern). Seine Ausbildung zum Priester absolvierte er am päpstlichen Elite-Kolleg Germanicum in Rom.

Schon mit 32 wurde er Professor und nahm als Berater am Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965) teil. In Dauerkonflikt mit dem Vatikan geriet Küng, als er das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit kritisierte. 1979 ließ Papst Johannes Paul II. ihm die Lehrerlaubnis entziehen.

Küng blieb aber als Professor für Ökumenische Theologie in Tübingen. 50 Jahre nach Konzilsbeginn laden kirchliche Reformgruppen in dieser Woche zu einem Kongress nach
Frankfurt am Main ein. Zum Auftakt spricht Küng am 18. Oktober um 18 Uhr in der Paulskirche.

 

Infos zu der Konzilsgedächtnisveranstaltung unter www.wir-sind-kirche.de

 

 

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