Entkrümmung – die Folge der Botschaft Jesu

13.01.2013, Walter Kirchschläger

 

Anlässlich des 60. Geburtstags von Helmut Schüller lud der Katholische Akademikerverband Wien zu einer Geburtstagsfeier am 8. Jänner 2013 in den Großen Festsaal der Universität Wien. Dort hielt der Luzerner Bibelwissenschafter Walter Kirchschläger nachstehenden Vortrag:

 

1 Krümmung

 

Gebückt oder gekrümmt zu sein – das ist eine unangenehme Erfahrung. Sie kann somatische Ursachen haben und ist dann unter die Krankheitsbilder der Orthopädie einzuordnen. Sie kann durch psychische Zustände hervorgerufen werden und entwickelt sich zu einer oft zu beobachtenden, chronischen Körperhaltung, hinter der vielfältige Gründe stehen können und die vielfach den Eindruck einer zwanghaften Lebensgestaltung vermittelt. Der gekrümmte Rücken ist im wörtlichen wie auch im metaphorischen Sinn Kennzeichen einer Gesellschaftsstruktur, in der die Machtverhältnisse und die Machtausübung zur Selbsteinschätzung eines „unten“ und „oben“ führen und in der die selbst eingenommene Körperhaltung das eigene Selbstverständnis zum Ausdruck bringt.

Im wörtlichen Sinn ist uns der gekrümmte Rücken aus der höfischen Etikette der Feudalstrukturen, fallweise auch heute noch aus dem Staatsprotokoll verschiedener Monarchien bekannt. Die Erfahrung lehrt, dass diese Körperhaltung ein unverkennbares Signal diktatorischer Gesellschaftssysteme ist und dort die Krümmung des Rückens nicht einer Selbsteinschätzung des einzelnen Menschen entspricht, sondern diesem vor allem aufgezwungen wird.

 

Die Mittel dafür sind im Laufe der Geschichte bis heute verschieden gewesen. Sie reichen vom physischen, auch lebensbedrohenden Zwang bis hin zur subtilen Geburts-, Standes-, Amts- oder Hierarchiedoktrin, die durch einen entsprechenden ideologisch verbrämten Unterbau erfolgreich kaschiert wird. Die Folge solch zwanghafter Rückenkrümmung hat sich nicht geändert: Es ist die physische und psychische Destabilisierung der betroffenen Personen, verbunden mit der unverzeihlichen Verletzung ihrer Würde, die – je nach Konstitution der Betroffenen – zu vielfältigen Erkrankungsphänomenen führt, die buchstäbliche Krümmung des Rückens mit eingeschlossen.

 

Sie und ich, verehrte Damen und Herren – jede und jeder also von uns wird keine Schwierigkeiten haben, solche Krümmungsphänomene zu benennen und zu identifizieren. Ich überlasse es Ihrer gedanklichen Kreativität, die mögliche Vielfalt der Metapher noch selbst und miteinander zu konkretisieren und auf Fallbeispiele zu applizieren. Keine Gesellschaft und kein Segment einer Gesellschaft ist vor dem gekrümmten Rücken gefeit. Umso mehr tut Aufmerksamkeit not und ist es geboten, solche Krümmungsprozesse offen zu legen.

 

Streng genommen bildet unsere heutige festliche Versammlung durchaus ein notwendiges Instrument der Gegenstrategie. Denn nur selten in der Geschichte kam es und kommt es heute vor, dass sich Menschen solchen oftmals latent schleichenden Krümmungsmechanismen erfolgreich zu widersetzen vermögen und dies ohne unmittelbare Schäden für ihr Leben tun – so dass sie bisweilen sogar ihr 60. Lebensjahr vollenden können. Solche auch mögliche Gegenwege bewusst zu machen, ist ein nicht zu vernachlässigendes Moment dieser Feierstunde. Denn mehr denn je mahnt das Sprichwort: exempla trahunt – ja: möge doch das Beispiel tatsächlich Nachahmerinnen und Nachahmer finden! Denn Selbstverständnis und Sendung des Menschen trauen ihm einen aufrechten Gang zu, Verkrümmung stellt demgegenüber also eine Un-Form des Menschseins dar.

 

Diese These wäre wohl verschiedentlich begründbar. Ich begnüge mich im Folgenden in Entsprechung zu meinem theologischen Fach mit einer diesbezüglichen bibeltheologischen Herleitung. Darin möchte ich aufzeigen, dass Inhalt und Ziel des Wirkens Jesu von Nazaret nicht die Krümmung des Menschen gewesen ist, sondern seine Entkrümmung. Daraus werden sich - abschliessend – Folgerungen ergeben.

 

2 Der biblische Befund

 

Es wäre von der Sache her geboten, in diesem Zusammenhang nun zu einem Durchgang durch die gesamte biblische Botschaft auszuholen, um das vielfältige biblische Spektrum zum angesprochenen Thema nur im Überblick einzuholen. Mit Ihrem geschätzten Einverständnis werde ich mich jedoch zunächst auf Stichworte zum biblischen Hintergrund der diesbezüglichen Verkündigung Jesu von Nazaret beschränken und sodann auf ein Beispiel aus dem Wirken Jesu etwas genauer eingehen.

 

2.1 Der Hintergrund der Entkrümmungstätigkeit Jesu von Nazaret

 

Jesus von Nazaret kann sich auch darin, dass er in seinem Wirken Menschen aus verschiedenen Formen der Krümmung aufrichtet, auf die Selbsterschliessung Gottes in der Überlieferung der Jüdischen Bibel stützen. Denn was den Glauben Israels durch die Jahrhunderte trägt, ist vor allem die Überlieferung, dass dieser „Herr, dein Gott“ „dich aus Ägypten, dem Sklavenhaus, herausgeführt hat“ – wie es im Urcredo Dtn 6 heisst (Dtn 6,4-25, hier 6,12). Diese Errettung aus der Sklaverei ist der Begründungstitel für die gesamte Weisung Gottes – jener Titel, über den der Israelit zu jeder Zeit gegenüber seinem Sohn zur Rechenschaft bereit zu sein hat, wie es ebenda heisst (vgl. Dtn 6,20-22). Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der eine Gott Israels, ist nicht ein Gott der Unterdrückung, sondern der Befreiung.

 

Die theologische Reflexion der biblischen Zeit zeigt, in welcher Vielfalt diese Überzeugung auf die verschiedenen Bereiche des menschlichen Lebens ausgeweitet wird. Grundlegend bleibt dabei die Erfahrung, dass Gott den gekrümmten Menschen nicht weiter krümmt, sondern ihm aufhilft: „Das geknickte Rohr zerbricht er nicht, und den glimmenden Docht löscht er nicht aus“ – so lesen wir im zweiten Jes-Buch (Jes 42,3). In den Psalmen bildet diese Haltung Gottes einen Grundton, der die Betenden ermutigt und ihr Vertrauen in diesen ihren Gott stärkt. „Der Herr stützt alle, die fallen, und er richtet auf (anorthoi) alle Gebeugten (pantas tous katerragmenous)“ heisst es in Ps 145,14. Die hinter solchen Gebetsformulierungen stehende Überzeugung spricht der Psalmist paradigmatisch in Ps 94 aus: „Wenn ich auch denke: Jetzt wankt mein Fuss, stützt mich doch, Herr, dein Erbarmen” (Ps 94,18): Es ist die chesed, das Erbarmen Gottes also, das für die Gotteserfahrung des Menschen in Israel wegleitend ist. Die Vorstellung von einem Gott, der hinschaut (nicht wegblickt: Vgl. bes. Ex 3,7.16) und so den Menschen wieder aufrichtet, prägt das biblische Gottesbild mehr und grundlegender als anderes. 1) Sie kommt in der jüdischen Gebetsliteratur ebenso zum Ausdruck (siehe z. B. Ps 113,7) wie sodann z. B. im jesuanischen Gleichnis vom guten Samariter (vgl. Lk 10,25-37) 2) oder in der Mahlpraxis Jesu, die keine Ausgrenzung von Marginalisierten und von Menschen am Rand der Gesellschaft kennt – im Gegenteil. 3)  Zur biblischen Verschriftlichung dieser Überzeugung wird die Antithetik von der Erniedrigung der Mächtigen und der Erhöhung der Bedürftigen (so z. B. Jes 2,12.17; Lk 1,52-53; 14,11; 18,14) ebenso angewendet wie z. B. die bildhafte Aussage, dass Gott den Menschen “fest an der Hand” hält (so Ps 37,24). Daher kann auch der Mensch, der sich seiner Sünden bewusst ist, seine Lage in der angesprochenen Metaphorik ausdrücken: „Ich bin gekrümmt und tief gebeugt“, um in der Folge sein Vertrauen auf Gott zu formulieren: „Eile mir zu Hilfe, Herr, du mein Heil“ (Ps 38,7.23; vgl. dazu Lk 18,13).

 

Die Aufzählung könnte weitergeführt werden. Sie dient lediglich dazu aufzuzeigen, dass sich Jesus von Nazaret in seinem heilenden Handeln auf die theologische Überlieferung Israels abstützen kann. Zusätzlich bringt er darin wohl die eigene Gotteserfahrung von seinem Gott als dem liebenden Vater ein, 4) die spätestens seit dem Taufgeschehen sein Bewusstsein und seine Sendung prägt. Das mag den Hintergrund des im LkEv überlieferten Textabschnitts etwas erhellen und zugleich situieren, dem wir uns nun zuwenden.

2.2 Die Entkrümmung der gekrümmten Frau
„Er lehrte in einer der Synagogen am Sabbat“ (Lk 13,10) - so beginnt der Evangelist in Lk 13 eine seiner Heilungserzählungen:

 

10 Er lehrte in einer der Synagogen am Sabbat.
11 Und siehe: Eine Frau,
die hat einen Geist der Krankheit achtzehn Jahre,
und sie war gekrümmt (en synkyptousa),
und sie konnte sich nicht vollständig entkrümmen (me dynamene anakypsai eis to panteles).
12 Sie aber sehend, rief Jesus [sie] zu sich,
und er sprach zu ihr: Frau, du bist losgelöst (apolelysai) von deiner Krankheit.
13 Und er legte ihr die Hände auf.
Und sogleich wurde sie aufgerichtet (anorthothe).
Und sie pries Gott.
14 Es antwortete aber der Synagogenvorsteher,
erzürnt, dass Jesus am Sabbat geheilt hatte, [und] sprach zum Volk:
Sechs Tage sind, an denen man arbeiten muss; an diesen nun kommt und lasst euch heilen,
und nicht am Tag des Sabbats.
15 Es antwortete aber ihm der Herr, und er sprach:
[Ihr] Heuchler, ein jeder von euch, am Sabbat,
löst er nicht seinen Ochsen oder Esel von der Krippe
und, [ihn] wegführend, lässt ihn trinken?
16 Diese aber, die eine Tochter Abrahams ist,
die der Satan gebunden hielt (edysen), seht: zehn und acht Jahre,
darf nicht gelöst werden von dieser Gebundenheit (ouk edei lythenai apo tou desmou toutou)
am Tag des Sabbats?
17 Und nachdem er dies gesprochen hatte, schämten sich alle seine Gegner,
und das ganze Volk freute sich über alle Großtaten, die durch ihn geschahen.“  

 

Anstelle mit inhaltlichen Hinweisen auf die angesprochene Lehre Jesu fortzusetzen, führt der Evangelist die Hörenden oder Lesenden in eine andere Richtung: 5) „11 Und siehe: Eine Frau, die hat einen Geist der Krankheit achtzehn Jahre, und sie war gekrümmt (en synkyptousa), und sie konnte sich nicht vollständig entkrümmen (me dynamene anakypsai eis to panteles)“ (Lk 13,11). 6)

 

2.2.1 Krümmung - Entkrümmung.

Wie Sie hören, spielt Lukas mit den Worten; seine Variation der Begriffe ist bewusst in die deutsche Textübertragung miteinbezogen: krümmen – entkrümmen/synkypto - anakypto. Wie sich in der weiteren Episode herausstellt, wird diese Krümmung als eine dämonische Gebundenheit durch Satan gedeutet, durch welche diese Frau „zehn und acht Jahre“ gequält wird (vgl. Lk 13,16). Damit kommt der weite zeitgenössische Kontext des Dämonischen als Hintergrund von Sünde, Krankheit, Schuld und Versagen zur Geltung. Auch andere Textabschnitte der synoptischen Evangelien zeigen, dass dies eine massgebliche Hintergrundfolie für das Wirken Jesu und dessen Verständnis darstellte. 7) Nehmen wir diese Facette der lukanischen Formulierung ernst, so erhält die negative Situationsbeschreibung der Frau grundsätzliches Gewicht, d. h.: Nicht oder nicht nur aus somatischen Gründen kann sich die Frau nicht vollständig entkrümmen. Diese Subtilität der Darstellung ist gerade dem Lukas eigen, und sie entspricht durchaus generell der behandelten Thematik: Die Ursache von Krümmungen wird oftmals durch daraus resultierende Folgen verdeckt und somit auch verkannt.

 

Mit dem Hinweis auf diese lukanische Einordnung der Episode ist auch bereits das Handeln Jesu in ein entsprechendes Licht gerückt. Jesus ruft die Frau zu sich in die Mitte der Synagoge – was ihr wohl einiges an Mut abverlangt und ihr Vertrauen herausfordert. Er spricht sie in der für ihn typischen Weise an, die nicht einen hoffnungsvollen Zuspruch, sondern eine faktische Zusage enthält: „Frau, du bist losgelöst von deiner Krankheit“ (Lk 13,12). 8) In einer für den Evangelisten an markanten Textstellen charakteristischen Knappheit und Monotonie des Satzbaus heisst es weiter:

 

„Und er legte ihr die Hände auf.
Und sogleich wurde sie aufgerichtet.
Und sie pries Gott“ (Lk 13,13). 9)

 

Das zusagende Wort der Heilung ist also von der Geste der Handauflegung begleitet. Die Konstatierung der Heilung folgt ohne Verzögerung. Ihre Konsequenz ist der Lobpreis Gottes.

Zumindest in zwei Punkten ist hier noch genauer auf den Text zu sehen:

 

(1) Der Hinweis auf die erfolgte Heilung („sogleich wurde sie aufgerichtet“/kai parachrema anorthothe) lässt  - erstens - das Handlungssubjekt ungenannt. Mit einer solchen Formulierweise deuten die biblischen Verfasserinnen oder Verfasser generell gerne an, dass der Name des einen Gottes als Handlungsträger einzusetzen wäre – was im vorliegenden Fall mit dem folgenden Hinweis auf das Gotteslob bündig ist. 10) Gott ist es also, der diese Frau loslöst von ihrer Krankheit und sie heilt, indem er sie aufrichtet. Damit ist zumindest gesagt, dass Gott hinter dem Wirken Jesu steht – eine gängige Sentenz für das Jesusverständnis schon der frühen Kirche. Zugleich spannt diese Feststellung einen Bogen zur Tradition der Jüdischen Bibel, in der eben dieser Gott als einer begegnet war, der Gekrümmtes entkrümmt, und sie bekräftigt das Zeugnis über die Gotteserfahrung Israels, das nun im Christusgeschehen neu vertieft ist.

 

(2) Denn – zweitens - als unmittelbaren Handlungsträger stellt uns der Evangelist Jesus von Nazaret vor. Er ergreift die Initiative, ohne dass eigens gesagt wird, woher er um den misslichen Zustand der Frau weiss. Er ruft sie, er spricht sie an, er legt ihr die Hände auf. Er führt also jene Art des Handelns gegenüber gebeugten, eben gekrümmten Menschen fort, von dem schon die Jüdische Bibel gesprochen hatte. Entkrümmendes Handeln gehört zur Eigenart seines Wirkens, zu dem er sich von Gott gesandt und ermächtigt weiß.

 

2.2.2 Aufrichten

In diesem Handeln geschieht „Lösung“/Erlösung – wie schon die Wortwahl des Evangelisten andeutet: „Du bist losgelöst (apolelysai)“ sagt Jesus zu der Frau (Lk 13,12); wenig später wird er seinen Kritikern die rhetorische Frage stellen: „Darf sie nicht gelöst werden aus dieser Gebundenheit (ouk edei lythenai apo tou desmou toutou) am Tag des Sabbats?“ (Lk 13,16). Der Frau wird sozusagen ein neuer Zugang zu ihrem Leben, zur Welt gegeben, sie erhält einen gänzlich neuen Horizont. Machen wir - jede und jeder für sich selbst - einmal die kleine Übung, uns tief zu krümmen. Machen wir uns unser beschränktes Gesichtsfeld bewusst, bevor wir uns aufrichten oder - ich wechsle in die theologische Perspektive: uns aufrichten lassen - : Aufrecht stehen und mit neuer Weite unser Umfeld erblicken können - das ist Er-Lösung.

 

Der Begriff „aufrichten“/anorthoo, den der Evangelist zur Konstatierung der Heilung verwendet, ist ein sehr spezifisches Wort, das im Neuen Testament nur noch zwei weitere Male begegnet. Im Zuge der Darstellung des Apostelkonzils  wird es Apg 15 dem Herrenbruder Jakobus in einem Zitat aus dem Propheten Amos in den Mund gelegt. Mit diesem Schrifthinweis soll bekräftigt werden, dass die Verkündigungspraxis des Paulus und Barnabas im Einklang mit der Gottesverkündigung der Propheten steht, da dadurch die Trümmer des zerfallenen Hauses Davids von Gott wieder aufgebaut und aufgerichtet werden (Apg 15,16 = Am 9,11). 11) Es ist jene Praxis, welche die Christen nicht unter die Beschneidung und das gesamte Gesetz stellt, um sie nicht unter ein Joch zu zwingen, „das weder unsere Väter noch wir haben tragen können“ – wie der Verfasser den Petrus in diesem Zusammenhang sprechen lässt (Apg 15,10). Aufrichten/Entkrümmen begegnet hier also als eine Begrifflichkeit, die grundlegenden heilsbezogenen Charakter annimmt. Das gilt auch für Hebr 12,12: Dort wird der Terminus im Zusammenhang einer Ermahnung eingesetzt, angesichts der Stiftung des erneuerten Bundes der sich daraus ergebenden Lebensverantwortung gerecht zu werden. Die verfassende Person fährt fort: „Darum richtet auf (anorthosate) die müden Hände und die gebeugten Knie“, um diese Wirklichkeit des Gottesbundes tatsächlich zu leben (vgl. Hebr 12,1-13, Zitat 12,12).

 

2.2.3 Entkrümmung als Heil.

Damit soll gesagt sein: Die Wortwahl des Lukas geschieht bedacht, und sie ist beabsichtigt. Sie entspricht nicht allein dem dargestellten Vorgang, sondern sie lenkt die Aufmerksamkeit der Leserin und des Hörers auf Grundsätzliches. Es geht nicht nur darum, dass die gekrümmte Frau wieder aufrecht stehen kann, sondern es fragt sich darüber hinaus, was es im Kontext des Christusgeschehens bedeutet, dass diese gekrümmte Frau entkrümmt wurde. Lukas hatte im Einleitungssatz zu dieser Episode ja von der Lehrtätigkeit Jesu gesprochen (vgl. Lk 13,10) – was noch zusätzlich nahelegt, die Erzählung unter dieser Perspektive zu betrachten und nach ihrer Quintessenz als nonverbale Unterweisung zu fragen.

 

Wie beiläufig hatte Lukas auch einen Zeitbegriff in seinen Eröffnungssatz eingeflochten: „… am Sabbat“. Gegenüber seinen Kritikern bringt Jesus diesen Aspekt unmittelbar nach der Heilung nochmals zur Sprache: „Darf sie nicht gelöst werden aus dieser Gebundenheit am Tag des Sabbats?“ (Lk 13,16). Vor allem angesichts der Wortfelder von Krümmung und Entkrümmung, von Gebundenheit, Loslösen und Aufrichten in dieser Texteinheit ist der Bezug zum Sabbat zu beachten. Er kann sich nicht in der Diskussion über die Sabbatruhe erschöpfen: Dieser Einwand, mit dem der Synagogenvorsteher die Kritik am Tun Jesu eröffnet, wird ja im Verlauf des Textes als zu simpel und als theologisch naiv disqualifiziert. Es wäre also ein Missverständnis, den Hinweis auf den Sabbat hier lediglich mit dem siebten Schöpfungstag in Verbindung zu bringen, an dem nach Gen 2,2-3 Gott nach Vollendung der Schöpfungstat ruhte. Dies ist zwar die allgemein populäre, aber nicht die theologisch nachhaltige Begründung für die Besonderheit dieses Tages. Die Feier des Sabbats geht ursprünglich vielmehr auf das Anliegen zurück, die Errettungstat Gottes an der Mosessippe, also die Überwindung der Sklaverei durch den Auszug aus Ägypten, für alle Zeit lebendig zu erhalten. Im Zusammenhang mit dem dritten Dekaloggebot „Achte den Sabbat: Halte ihn heilig, wie es dir der Herr, dein Gott, zur Pflicht gemacht hat“ (Dtn 5,12) heisst es als begründender Kommentar für die gebotene Ruhe:

 

„Denk daran: Als du in Ägypten Sklave warst,
hat dich der Herr, dein Gott, mit starker Hand und hoch erhobenem Arm dort herausgeführt.
Darum hat es dir der Herr, dein Gott, zur Pflicht gemacht,
den Sabbat zu halten” (Dtn 12,15). 12)

 

In der Entkrümmung der Gekrümmten durch Jesus von Nazaret scheint also jene befreiende Heilstat Gottes in neuer Weise auf, in welcher die Existenz Israels als Volk Gottes begründet ist. Für den Evangelisten wird in einer solchen Handlungsweise Jesu von Nazaret das neu gestaltete Gottesvolk erahnbar. Es zeichnet sich im Wirken Jesu ab, wird im Ostergeschehen endgültig grundgelegt und reicht hinein in eine endzeitliche Vollendung. In seiner ersten Entwicklungsphase kann es durch Lukas in der Apg beschrieben werden.

 

2.2.4 Aufgerichtet Gott begegnen.

Später in seinem Evangelium wird Lukas noch einmal die Semantik der Entkrümmung zur Sprache bringen. In seiner zu einer Jesusrede verbundenen Spruchsammlung über den Anbruch der Endzeit wird auf die apokalyptischen Umwälzungen und das Kommen des Menschensohns in all seiner Wirkvollmacht und in der Entfaltung seiner zuverlässigen Treue 13) hingewiesen (vgl. Lk 21,25-27). Dann heisst es: „Wenn all dies zu geschehen beginnt, entkrümmt euch (anakypsate) und erhebt eure Häupter, denn es naht eure Erlösung“ (Lk 21,28).

 

Ein von Paulus verwendetes Bild umschreibt die Vollendung des Menschen als ein „Schauen von Angesicht zu Angesicht“ (1 Kor 13,12). 14) Darin wird menschliche Begrenzung überwunden, wird auch aufgelöst, was der jüdisch-biblische Mensch vielfach noch als Einschränkung erlebt. Denn Elija muss sich mit dem Säuseln des Windes zufrieden geben (vgl. 1 Kön 19,12-13), und Mose darf hinter Gottes schützender Hand lediglich den Rücken Gottes erahnen (vgl. Ex 33,20-23). Im JohEv aber ist die Wendung „den Herrn sehen“ die Kernformulierung der Osterbotschaft 15) und der Begriff „sehen“ Ausdruck der vollendeten Kommunikation mit Gott.

 

Auch hier hilft die allgemeine Erfahrung für das tiefere Verstehen: „Von Angesicht zu Angesicht“ kann nur schauen, wer, weil entkrümmt, befähigt zum aufrechten Gang sein Haupt erheben kann.

3 Entkrümmung – Rettung - Vollendung

 

Was ergibt sich aus dem biblischen Text, worin besteht seine Botschaft? Der entkrümmte Mensch ist der erlöste Mensch. Anders gesagt: Entkrümmung ist ein Synonym für die Rettung, ein Anzeichen für den Weg der Vollendung des Menschen. Das Wirken Jesu von Nazaret hat den biblischen Weg der Gottesoffenbarung nicht in Frage gestellt, sondern bestätigt, hat ihn fortgesetzt, aus christlicher Sicht in unüberbietbarer Weise vertieft. Für Christinnen und Christen ist in diesem Wirken die optimistische Perspektive ihres Lebens mit einem zuversichtlichen Blick über die Zäsur des irdischen Todes hinaus begründet und zugleich ein Paradigma für die Gestaltung des eigenen Lebensentwurfes vorgegeben.

 

Dass Jesus von Nazaret den Menschen in das Zentrum seines Wirkens gestellt hat, muss nicht näher begründet werden. Ihm, dem Menschen, gilt die Zuwendung Gottes, die in Wort und Handeln Jesu erfahrbar wird. 16) Weisungen und Gebote sowie deren Umsetzung sind diesem Anliegen zugeordnet und nicht umgekehrt, da bekanntlich „der Sabbat für den Menschen da ist“ (Mk 2,27).

 

Darin, in der Achtung des Menschen, im Ernstnehmen seiner Würde, im Eintreten für die Entfaltungsmöglichkeit seines Lebens, für seine Entmarginalisierung, im Engagement für jedwede Entkrümmung seiner Person, darin kann jeder Mensch Gottes Dienst – Dienst an und für Gott - leben und feiern, begegnet doch „in den geringsten meiner Schwestern und Brüder“ der auferstandene und erhöhte Herr Jesus Christus selbst (vgl. Mt 25,40). 17) Daher steht in der gelebten Solidarität von „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst“ 18) mit den Menschen von heute die Kirche, will sie als Nachfolgegemeinschaft in Orientierung an Jesus Christus leben und so tatsächlich Kirche sein, auf dem Prüfstand. 19)

 

Diese Solidarität ist bekanntlich vor allem den „Armen und Bedrängten aller Art“ geschuldet, sie gilt jedweder Krümmung des Menschen: der aufgezwungenen wie der selbst verschuldeten, auch der eingeredeten oder der als Pseudowert suggerierten. Jesus von Nazaret hat mit seinem Leben, mit seinem Sterben und mit seiner Auferstehung aufgezeigt, dass mit der Entkrümmung des Menschen der Absicht Gottes mit seinem Geschöpf Mensch entsprochen wird. 20) In diesem Verständnis seiner Sendung hat Jesus von Nazaret selbst konsequent Gehorsam geübt - einen Gehorsam gegenüber dem Heilswillen Gottes, weniger gegenüber menschlicher Satzung, sosehr sie auch theologisch verbrämt war und welcher Anspruch auch immer in ihrem Namen erhoben wurde. 21)

 

Wenn dieser anhand eines Fallbeispiels aus dem Wirken Jesu entfaltete gedankliche Weg in Ihren Augen Zustimmung finden kann, so können wir im Konsens heute festhalten: Wer immer sich zu jedweder Zeit dafür einsetzt, dass Menschen aus Krümmungen ihres Rückens – will heissen: ihres Lebens – befreit und entkrümmt werden können, bewegt sich auf den ureigenen Spuren des Wirkens Jesu von Nazaret. Das ist nun wirklich keine nebensächliche Aussage zur Biographie eines Menschen, und sie bietet uns heute allen Grund zum Feiern und zum Glückwunsch - :

 

Die diesbezügliche Geschichte von Helmut Schüller beginnt nicht erst mit der Pfarrer-Initiative. Jede Station seiner Tätigkeit ist von der Begegnung mit gekrümmten Menschen und Entkrümmungserfahrungen begleitet, vielfach auch geprägt. Der Diözesanjugendseelsorger, der diözesane Caritasdirektor und österreichische Caritaspräsident könnte von gelungenen, wohl auch von nicht gelungenen Entkrümmungsprozessen vermutlich viel erzählen; ebenso wie der Generalvikar der Erzdiözese, der sich tief krümmen musste, um die auf der Türschwelle zugestellte Post aufzunehmen, und der Ombudsmann für Opfer von sexuellem Missbrauch, der auf zugedeckte und verdeckte Krümmungen hinschauen und helfen musste, sie offen zu legen. Dass er selbst sich durch die Jahre nicht hat krümmen lassen, zeigt seine Tätigkeit als Pfarrer und Studierendenseelsorger. Wie vielen Menschen Helmut Schüller in den bisherigen Jahren seines Lebens geholfen hat, sich von Gott entkrümmen zu lassen? – Gott weiss es. Helmut Schüller selbst hat in diesen Jahren die Tugend des aufrechten Ganges eingeübt, gemeinsam mit Gleichgesinnten ist er in der Pfarrer-Initiative auf dem Weg, diesen ungewöhnlichen Vorzug in Gesellschaft und Kirche hoffähig zu machen.

 

Lieber Helmut, ich komme nochmals auf das Neue Testament zurück: Als im Haus des Cornelius in Cäsarea die ersten Heiden getauft werden – übrigens ein Akt des Ungehorsams, für den sich Petrus in Jerusalem rechtfertigen muss (vgl. Apg 11,1-18) - , hält Petrus nach dem Bericht der Apg eine Musterkatechese, in der das gesamte Jesusgeschehen zusammengefasst ist (vgl. Apg 10,35-43). 22) Er erinnert die Zuhörenden an diesen „Jesus von Nazaret: Gott hat ihn mit heiligem Geist und mit Wirkvollmacht gesalbt. Er zog umher, Gutes tuend und alle heilend, die niedergedrückt waren unter der Macht des Teufels“ (Apg 10,38).

 

Was Lukas für diese Eigenart des Wirkens Jesu als Begründung anfügt, das wünsche ich Dir für alle Zeit Deines weiteren Lebens: „Denn Gott war mit ihm“ (ebda)!

 

Anmerkungen:

 

 1) Siehe W. M. Schniedewind, Calling God Names: An Inner-Biblical Approach to the Tetragrammaton: Scriptural Exegesis. Hrsg. v. D. A. Green u. a., Oxford 2009, 74-86; grundlegend nach wie vor B. N. Wambacq, Eheyeh ‘eser ‘eheye („Ich bin, der ich bin“), in: Biblica 59 (1978) 317-338, hier bes. 338.

 2) Siehe dazu W. Kirchschläger, Er sah ihn und ging nicht vorüber. Über die Zuwendung Jesu von Nazaret zu Menschen in Not, in: D. W. J. Schwibach (Hrsg.), Im Auftrag des Herrn. Unterwegs in der Notfallseelsorge, Düsseldorf 2013, 35-55, hier 35-42.

 3) Siehe bes. F. Annen, „Sie hielten fest am Brotbrechen“ (Apg 2,42), in: H. Halter (Hrsg.), Sonntag – der Kirche liebstes Sorgenkind, Zürich 1982, 102-122; des weiteren D. A. Koch, Jesu Tischgemeinschaft mit Zöllnern und Sündern, in: Ders. u. a. (Hrsg.), Jesu Rede von Gott und ihre Nachgeschichte im frühen Christentum. Beiträge zur Verkündigung Jesu und zum Kerygma der Kirche. Fs. W. Marxen, Gütersloh 1989, 57-73;  F. Meyer, Jesus‘ Ministry and Selfunderstanding, in: B. Chilton/C. A. Evans (Hrsg.), Studying the Historical Jesus, Leiden 1994, 337-352, bes. 341-351; W. Thissen, Erzählung der Befreiung. (Forschung zur Bibel 21), Würzburg 1976, 54-65;  M. Trautmann, Zeichenhafte Handlungen Jesu. (Forschung zur Bibel 37), Würzburg 1979, 132-166;  F. Wyss, Jesus – Freund der Verachteten, Luzern [Theol. Diplomarbeit] 1991; W. Kirchschläger, Zur Frage der Gottesdienstgemeinschaft, in: Heiliger Dienst 49 (1995) 227-238, hier 228-231.

 4) Treffend dazu G. Schelbert, ABBA Vater. Der literarische Befund vom Altaramäischen bis zu den späten Haggada-Werken. (Novum Testamentum et Orbus Antiquuus 81), Göttingen 2011, 390: „Die Vater-Anrede und die Bezeichnung Gottes vor allem als Vater ist die Eigenart und Besonderheit der Gottesbeziehung und Gottesverkündigung Jesu ... Bedeutung und Art der Beziehung Jesu zu Gott als Vater offenbart seine ganze Gottesbotschaft ...“

 5) Durch die Satzeinleitung wird diesbezüglich ein besonderes Signal gesetzt, das Aufmerksamkeit erregen möchte: Siehe genauer P. Fiedler, Die Formel „Und siehe“ im Neuen Testament. (Studien zum Alten und Neuen Testament 20), München 1969, hier 14.35.

 6) Neben den Kommentaren zum LkEv siehe zu diesem Textabschnitt vor allem: U. Busse, Die Wunder des Propheten Jesus. (Forschung zur Bibel 24), Würzburg 21979, 302-304; J. B. Green, Jesus and a Daughter of Abraham (Luke 13:10-17), in: Catholic Biblical Quarterly 51 (1989) 643-654; H. Melzer-Keller, Jesus und die Frauen. Eine Verhältnisbestimmung nach den synoptischen Überlieferungen. (Herders Biblische Studien 14), Freiburg 1997, 292-297; L. Milot, Guérison d’une femme infirme im jour de sabbat (Luc 13,10-17), in: Sémiotique & Bible 39 (1985) 23-33; E. Schüssler-Florenza, Lk 13:10-17 Interpretation for Liberation and Transformation, in: Theological Digest 36 (1989) 303-319; B. Witherington III, Women in the Earliest Churches, Cambridge 1988, 68-71; des weiteren W. Kirchschläger, Die Loslösung der gekrümmten Frau, in: Arzt und Christ 24/25 (1978/79) 151-167; ders., Jesu exorzistisches Wirken. Ein Beitrag zur lukanischen Redaktion. (Österreichische Biblische Studien 3), Klosterneuburg 1981, 242-248.

 7) Zur Gesamtproblematik siehe grundlegend H. Haag, Teufelsglaube, Tübingen 1974; zum Befund bezüglich des Wirkens Jesu vgl. F. Annen, Die Dämonenaustreibungen in den synoptischen Evangelien, in: Theologische Berichte 5, Zürich 1976, 107-146, hier 143-144; des weiteren W. Kirchschläger, Satan (et Démons) dans le Nouveau Testament, in: Supplément au Dictionaire de la Bible XII, Paris 1992, 24-47, hier 31-32.

 8) apolelysai (perf. pass.) ist in diesem Sinn zu verstehen: Siehe F. Blass/A. Debrunner/F. Rehkopf, Grammatik des neutestamentlichen Griechisch, Göttingen 141975, § 318,4 mit Anm. 5. Vergleichbare jesuanische Zusagen in Perfektformen finden sich z. B. auch Lk 5,20: „Weggenommen sind (apheontai) sind dir deine Sünden“; ähnlich Lk 7,47: „weggenommen sind (apheontai) ihre vielen Sünden“, sowie die mehrmals belegte Wendung: „Dein Glaube hat dich gerettet (sesoken se)“ (Mk 5,34 par Mt 9,22 und Lk 8,48; Mk 10,52 par Lk 18,42; Lk 7,50; 17,19).

 9) Als weitere Beispiele zu solchen stereotyp mit „und“ eingeleiteten Hauptsatzfolgen siehe u. a. Lk 2,7; 7,17.

10) Siehe dazu M. Zerwick, Graecitas Biblica Novi Testamenti exemplis illustratur, Rom 51966, § 236.

11) Der Textvergleich zeigt, dass erst Lukas den Begriff anorthoo in das Zitat aus Am 9 einträgt, daran also besonderes Interesse erkennen lässt:
                        Am 9,11
                        Apg 15,16
    “An jenem Tag stelle ich auf
    das zerfallene Zelt Davids,
    und ich baue auf seine Risse,
    und seine Trümmer stelle ich auf,
    und ich baue es wieder auf

    wie in früheren Tagen” …
    „Dann kehre ich um und baue wieder auf
    das zerfallene Zelt Davids,

    und seine Trümmer
    baue ich wieder auf
    und richte es auf (kai anorthoso auten)…“

 

12) Der gesamte Textabschnitt Dtn 5,12-15 lautet:
    „12 Achte auf den Sabbat. Halte ihn heilig, wie es dir der Herr, dein Gott, zur Pflicht gemacht hat.
    13 Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun.
    14 Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott geweiht. An ihm darfst du keine  Arbeit tun: du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, dein Rind, dein Esel und dein ganzes Vieh und der Fremde, der in deinem Stadtbereich Wohnrecht hat. Dein Sklave und deine Sklavin sollen sich ausruhen wie du.
    15 Denk daran: Als du in Ägypten Sklave warst, hat dich der Herr, dein Gott, mit starker Hand und hoch erhobenem Arm dort herausgeführt.
    Darum hat es dir der Herr, dein Gott, zur Pflicht gemacht, den Sabbat zu halten.”

13) doxa/Herrlichkeit ist aufgrund seiner biblischen Gleichsetzung mit dem hebräischen Äquivalent und dessen Herleitung von der Wurzel kbd (Gewicht haben) eher in dieser grundsätzlichen Bedeutung zu übersetzen. Andeutungen in diese Richtung siehe auch bei H. Hegermann, Art. doxa, in: Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament I, Stuttgart 21992, 832-841, hier 834 und 840.

14) Siehe dazu W. Schrage, Was bleibt und was fällt. Zur Eschatologie in 1 Kor 13,8-13, in: M. Trowitzsch (Hrsg.), Paulus. Apostel Jesu Christi, Tübingen 1998, 97-107.

15) Siehe dazu Joh 20,18.20.25.29; grundlegend dazu weiterhin J. Kremer, Die Osterevangelien – Geschichten um Geschichte, Stuttgart 21981, 184-190

16) Siehe bes. Ludger Schenke u. a., Jesus von Nazaret – Spuren und Konturen, Stuttgart 2004; des weiteren A. Gisler, euaggelisasthai ptochois. Die Armen als Bezugsgrösse der Sendung Jesu und Konsequenzen für die Nachfolge aus lukanischer Sicht, Luzern [Theologische Masterarbeit] 2010; W. Kirchschläger, Jesu Heilsverkündigung an die Armen nach Lukas, in: Schweizerische Kirchenzeitung 179 (2011) 223-224.229-230.

17) Siehe B. Eltrop, Das Jüngste Gericht im Horizont von Gerechtigkeit, Liebe und Solidarität. Mt 25,31-46 von seinen alttestamentlichen Bezugstexten her gelesen, in: Bibel und Kirche 63 (2008) 219-225; die Konsequenzen dieser biblischen Aussage sind aufgezeigt bei I. Ellacuria, Die Kirche der Armen, geschichtliches Befreiungssakrament, in: I. Ellacuria/J. Sobrino (Hrsg.), Mysterium Liberationis. Bd. II, Luzern 1996, 761-787.

18) Siehe Zweites Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes, 1965, Art. 1: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger [und Jüngerinnen] Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.“

19) Siehe dazu ausführlicher W. Kirchschläger, Kirche in der Nachfolge Jesu Christi. Vorgaben und Perspektiven, in: M. Heizer/H. P. Hurka (Hrsg.), Mitbestimmung und Menschenrechte. Plädoyer für eine demokratische Kirchenverfassung. (topos taschenbuch 763), Kevelaer 2011, 17-39.

20) Grundlegend dazu H. Schürmann, „Pro-Existenz“ als christologischer Grundbegriff, in: Ders., Jesus – Gestalt und Geheimnis. Gesammelte Beiträge. Hrsg. v. K. Scholtissek, Paderborn 1994, 286-315; des weiteren W. Kirchschläger, Tod, Auferstehung, Erlösung. Bibelorientierte Anmerkungen zur Soteriologie, in: H. Häring (Hrsg.), Der Jesus des Papstes. Passion, Tod und Auferstehung im Disput, Münster 2011, 57-82, hier 60-63.

21) Als Auslegeordnung dazu kann der Satz gelten, der in Apg 5,29 im Munde des Petrus und der (anderen) Apostel überliefert ist: „Frau oder man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“

22) Siehe dazu M. Cifrak, Die Beziehung zwischen Jesus und Gott nach den Petrusreden der Apostelgeschichte. (Forschung zur Bibel 101), Würzburg 2003, 223-261.

 

Zur Person des Referenten:

Walter Kirchschläger ist 1947 im Niederösterreichischen Gars am Kamp geboren, studiert in Wien und Rom Philosophie und Theologie. Er promovierte 1972 zum Thema. "Der Satan der Evangelien als Versucher".

Von 1970 bis 1973 war er Sekretär von Kardinal Franz König in Wien. 1972 bis 1979 war Kirchschläger Hochschulassistent am Institut für neutestamentliche Bibelwissenschaft bei Prof. Dr. Jacob Kremer in Wien. Von 1980 bis 1982 war er Leiter der Wiener Theologischen Kurse und des Fernkurses für Theologische Bildung. 1981 erfolgte die Habilitation für Exegese des Neuen Testaments in Wien.

Seit 1982 ist Walter Kirchschläger ordentlicher Professor für Exegese des Neuen Testaments an der Theologischen Fakultät Luzern. Von 1990 bis 1993 war er Rektor, von 1997 bis 1999 Dekan der Theologischen Fakultät und von 1997 bis 2000 Rektor der Universitären Hochschule Luzern, von 2000 bis 2001 Gründungsrektor der Universität Luzern.

 

Prof. Kirchschläger war und ist Mitglied in einer Reihe von Institutionen, die der Förderung der Universität, der Theologie, der Erwachsenenbildung und der zeitgemässen Verkündigung der christlichen Botschaft dienen: von 1993 bis 1997 war er Präsident der Theologischen Kommission der Schweizerischen Bischofskonferenz, von 1992 bis 2003 Vorsitzender des Vorstands der Batschunser Theologischen Akademie, Vorarlberg, von 1992 bis 2004 Vorstandsmitglied der International Academy for Marital Spirituality, Brüssel; seither im Aufsichtsrat, von 1997 bis 2011 Präsident des Stiftungsrates der Universitätsstiftung Luzern, seit 1997 ist er Vorstandsmitglied des Universitätsvereins Luzern, seit 2006 Mitglied des «Scientific Advisory Board» der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, seit 2011 Mitglied des Stiftungsrates der Stiftung Weltethos/Schweiz u.v.m.

 

1981 erhielt Walter Kirchschläger den Kardinal-Innitzer-Förderpreis für Theologie, 2011 den Herbert-Haag-Preis für Freiheit in der Kirche.

Prof. Dr. Walter Kirchschläger ist Ende des Frühjahrssemesters 2012 emeritiert.

 

Seine Abschiedsvorlesung hielt er an der Universität Luzern an der Theologischen Fakultät am 23. Mai 2012.

Walter Kirchschläger ist der Sohn des weit über die Parteigrenzen hinaus sehr geschätzten ehemaligen Österreichischen Bundespräsidenten Dr. Rudolf Kirchschläger. Er ist seit 1972 mit Heidi verheiratet. Sie haben drei - zwischenzeitlich - verheiratete Kinder.

 

Zur Person des Jubilars:

 Helmut Schüller ist am 24. Dezember 1952 in Wien geboren. Er ist katholischer Priester und Bruder des ORF-Journalisten und Türkei-Korrespondenten Christian Schüller.

 

Er besuchte von 1963 bis 1971 das Knabenseminar Hollabrunn. Dort wurde er unter anderen von Hans Hermann Groër unterrichtet. Nach der Matura studierte er Theologie an den Universitäten Wien und Freiburg im Breisgau. Nach seiner Priesterweihe war er ab 1977 als Kaplan in der Pfarre St. Brigitta und als Religionslehrer an einer Hauptschule und an einer Höheren Technischen Lehranstalt (am Technologischen Gewerbemuseum) tätig.

 

1981 wurde er Diözesanjugendseelsorger in Wien. 1986 bis 1995 war er Mitarbeiter der Caritas. Er übernahm am 1. Dezember 1988 von Leopold Ungar das Amt des Wiener CARITAS-Direktors und am 16. Mai 1991 jenes des Präsidenten der Caritas Österreich. Für die „bravouröse Leitung des Großkonzerns Caritas“ wurde er als „WU-Manager des Jahres 1993“ ausgezeichnet. Im Dezember 1993 war er ein Ziel der ersten Briefbombenserie von Franz Fuchs; die Bombe wurde rechtzeitig entdeckt.

 

Nach der Einsetzung von Christoph Schönborn als Erzbischof der Erzdiözese Wien wurde Schüller im September 1995 zum Generalvikar ernannt. Überraschend im Februar 1999 hat ihn Schönborn wegen „tiefgreifender Meinungsverschiedenheiten“ wieder aus diesem Amt entlassen. Die Art der Kündigung war ungewöhnlich, da Schönborn die Kündigung nicht persönlich mitteilte, sondern Schüller nächtens das Kündigungsschreiben vor die Wohnungstür legte.

 

1996 wurde er Leiter der Ombudstelle der Erzdiözese Wien für Opfer sexuellen Missbrauchs in der Kirche. In dieser Zeit formulierte er Regeln für kirchliche Mitarbeiter im Umgang mit sexuellem Missbrauch; sie wurden nicht in allen Diözesen Österreichs umgesetzt. 2005 gab Schüller diese Funktion zurück, weil sein Ziel immer war, dass die Ombudsstelle ein Nicht-Priester leitet. Laut eigener Aussage waren diese Jahre für ihn eine Ernüchterung bezüglich der Realität im kirchlichen Alltag.

 

Am 25. April 2006 stellte er gemeinsam mit Pater Udo Fischer, Hans Bensdorp und Gerald Gump die Pfarrer-Initiative der Öffentlichkeit vor. "Mit drängender Sorge" legten sie eine Grundstzerklärung vor. Die Pfarrer-Initiative tritt unter anderem gegen die „bedenkliche Entwicklung der Pfarrzusammenlegungen“ auf und unterstützt die „Berufung aller Getauften zu Mitverantwortung, Mitentscheidung und Mitgestaltung“ in der Kirche. Ebenso wird die Weihe verheirateter Männer („viri probati“) zu Priestern vorgeschlagen.

 

Am 19. Juni 2011 wurde der "Aufruf zum Ungehorsam" veröffentlicht. Er ist unterder Federführung von Peter Paul Kaspar entstanden und fordert unter anderem die Zulassung von Frauen und Verheirateten zum Priesteramt und kündigt an, dass das Predigtverbot von Laien missachtet werden wird.

 

Helmut Schüller ist Pfarrer der Pfarrkirche hl. Stephan in der Ortschaft Probstdorf im Marchfeld in der Stadtgemeinde Groß-Enzersdorf, Universitätsseelsorger der Katholischen Hochschulgemeinde Wien, Geistlicher Assistent der Katholischen Hochschuljugend Wien, Studentenseelsorger und seit Herbst 2006 Geistlicher Assistent des Katholischen Akademikerverbands der Erzdiözese Wien.

Im Mai 2007 wurde Helmut Schüller zum Vorstandsvorsitzenden des Vereins Fairtrade Österreich gewählt.

 

Im November 2012 wurde Helmut Schüller der päpstliche Ehrentitel Monsignore bzw. „Kaplan seiner Heiligkeit“ vom Vatikan entzogen. Eine Begründung der Aberkennung wurde nicht genannt.

 

 

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