Johannes XXIII. - ein Papst mit christlicher Spiritualität und Humor

21.01.2013, Alfred Kirchmayr

 

Denn die Wächter des Volkes sind blind, sie merken allesamt nichts.
Es sind lauter stumme Hunde.
Sie können nicht bellen. Träumend liegen sie da und haben gerne ihre Ruhe.
(Jes 56, 10f.)

 

Wenn unser Heiland wieder käme, würde er abermals gekreuzigt werden,
doch diesmal nicht in Jerusalem, sondern zu Rom.
(Römischer Kurienkardinal, 1910)

 

Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig. (2 Kor. 3,6)

 

Ein wirklicher Christ als Papst – ein vatikanischer Systemfehler

 

Am Pfingstmontag 3. Juni 1963 ist Johannes XXIII., Angelo Giuseppe Roncalli, gestorben. Dieser Pfarrer der Welt war knapp fünf Jahre lang Papst (1958-1963). Er hat die Vatikanherrschaften gründlich aus klerikaler Selbstbeweihräucherung und zentralistisch-diktatorischer Herrschaft herausgefordert. Vermutlich hat der emotional und geistig schwer verdauliche Heilige Stuhl zu seinem tödlichen Magenkrebs beigetragen.

 

An seinem Sterbetag sagte ein römisches Zimmermädchen zur jüdischen Philosophin Hannah Arendt: Gnädige Frau, dieser Papst war ein wirklicher Christ.
Wie ist das möglich? Und wie konnte ein wirklicher Christ auf den Heiligen Stuhl zu sitzen kommen? Musste er nicht zuerst zum Bischof und Erzbischof und Kardinal ernannt werden, bevor er wirklich zum Papst gewählt wurde? Hatte denn keiner eine Ahnung, wer er war?

 

Offenbar wurde Roncalli, der Mensch, Seelsorger, Historiker und erfahrene Diplomat falsch eingeschätzt. Das kam so: Pius XII. (1939-1958) ist etwas zu früh gestorben, denn die Kurie wollte Erzbischof Montini, den späteren Paul VI., als seinen Nachfolger wählen. Doch dieser war noch nicht Kardinal. Zwar kann jeder Bischof zum Papst gewählt werden, aber die Kurie hat sich selbst den Zwang auferlegt, dass sie nur Kardinäle als papabilis betrachtet. Also wählte man den bereits siebenundsiebzigjährigen Roncalli als Übergangspapst. Er ist alt und wird sicher nichts anstellen.

 

Das römische Zimmermädchen hat intuitiv erfasst, dass dieser Papst ein Systemfehler war. Kurz nach Beendigung des Konzils sagte ein Kurienkardinal sinngemäß: Es wird hundert Jahre dauern, bis der Schaden, den dieses Konzil angerichtet hat, wieder behoben sein wird. Während der polnische Papst Johannes Paul II. bereits sechs Jahre nach seinem Tod seliggesprochen wurde, dauerte es bei Johannes XXIII. siebenunddreißig Jahre. Auf diesen Unterschied angesprochen, sagte der für Seligsprechungen zuständige Kardinal: „Ja, aber er war doch schuld an diesem Konzil“.

 

Der Gründer der fundamentalistisch-katholischen Geheimorganisation Opus Dei, der heilige Josemaria Escrivá, hat Johannes XXIII. verachtungsvoll als Bauer mit Körpergeruch beschimpft und das Zweite Vatikanische Konzil als Konzil des Teufels bezeichnet. Theologen, die den Geist des Konzils bestimmt haben, wurden entweder vor oder nach dem Konzil von der Inquisition verurteilt, z. B. Karl Rahner und Hans Küng. Der bis heute besonders engagierte Konzilstheologe Hans Küng erhielt 1979 Lehrverbot. 1980 sagte er sinngemäß: Wer wissen will, was Sozialismus nicht ist, der schaue in den Kreml. Und wer wissen will, was Christentum nicht ist, der schaue in den Vatikan.

 

Johannes XXIII. – ein Gegner des Opus Dei, der Elitetruppe des Vatikans

 

Die mächtige Organisation Opus Dei, die als Heilige Mafia des Papstes bezeichnet wird, wurde von Johannes Paul II. (1978-2005) zur Elitetruppe des Vatikans gewählt. Denn die Jesuiten waren dem polnischen Papst zu wenig kindlich gehorsam. Josemaria Escrivà vertritt nämlich eine antimodernistische Weltanschauung: Demokratie, Sozialismus, Aufklärung und Mündigkeit, moderne Human- und Sozialwissenschaften und Theologen, die sich intellektueller Redlichkeit verpflichtet wissen, wurden und werden verurteilt und bekämpft.

 

Der Konzilspapst Johannes XXIII. lehnte dieses Werk Gottes radikal ab. Paul VI. (1963-1978) stand dem ehrgeizigen Herrn Escrivá skeptisch gegenüber. Johannes Paul I. (1978) starb nach nur 33 Tagen im Amt, vermutlich eines unnatürlichen Todes. Er war vom Reformgeist des Konzils erfüllt, und weil er das Opus Dei energisch abgelehnt hat, wurde dieses auch mit seinem Tod in Zusammenhang gebracht (Hutchison 1997). Der Vatikan versteht sich offensichtlich nicht als kooperative Kommunikationszentrale einer christlichen Weltkirche sondern als totalitärer Führer-Bunker mit Unfehlbarkeitsallüren. Nach dem Kirchenrecht ist der Papst absoluter Monarch.

 

Das Opus Dei vertritt, ähnlich wie sein größter Förderer Johannes Paul II., einen fundamentalistischen und militaristischen Katholizismus, der mit dem Wesen des Christentums wenig zu tun hat (Kirchmayr, Scharmitzer 2009). Der katholische Historiker Friedrich Heer hat die Pervertierung des katholischen Christentums durch die Vatikanzentrale treffend charakterisiert: Alleinseligmachende Institutionen verhalten sich praktisch als geschlossene Anstalten, wie Kerker und Irrenhäuser.

 

Die Kirchenleitung in Rom hat sich vom Volk Gottes unterwegs, also von der Kirche, längst abgespalten. Das wird in der Auseinandersetzung zwischen Herrschafts-Theologien und Befreiungs-Theologien offensichtlich. Der Vatikan muss sich entscheiden, ob er sich mehr den Armen aller Art zuneigt – oder den Armeen und ihren Machthabern!

 

Das Sitzfleisch ist die Hauptsünde gegen den Heiligen Geist
 

Ob sich Friedrich Nietzsche auch mal über den Heiligen Stuhl Gedanken gemacht hat, weiß ich nicht. Aber eine seiner wichtigsten Erkenntnisse hat mit dem Sitzen, dem Festsitzen zu tun: So wenig als möglich sitzen; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung, in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern (auch die Lachmuskeln, A. K.). Alle Vorurteile kommen aus den Eingeweiden. Das Sitzfleisch ist die Hauptsünde gegen den Heiligen Geist.

 

Und also sprach Johannes XXIII. 1960 bei einer Audienz: Darauf kommt es an: immer in Bewegung zu bleiben, sich nicht in eingefahrenen Gewohnheiten auszuruhen, sondern immer auf der Suche nach neuen Kontaktmöglichkeiten Ausschau zu halten, unaufhörlich auf der Höhe berechtigter Forderungen der Zeit zu bleiben, in der wir zu leben berufen sind, damit Christus auf jede Weise verkündet und erkannt werde.

 

Johannes der Spaziergänger – „Johnnie Walker“

 

Von Journalisten wurde dieser Papst von Anfang an als Johannes der Spaziergänger bezeichnet, weil er – zum Unbehagen der Kurienkardinäle – den Vatikan verließ und sehr häufig durch Rom spaziert ist. Im Englischen kommt noch eine Anspielung auf eine alte Whisky-Marke dazu: Johnnie Walker! Ein Mann mit Geist, umgeben von Flaschen?

 

Er ist hinausgegangen und hat die Grenzen, Engen und Ängste des Vatikans verlassen. Schließlich wollt er auch seine Schäflein sehen, die er niemals als Schafsköpfe behandelt hat. Er hatte die Offenheit und den Mut, zu den Menschen zu gehen und die Zeichen der Zeit zu erkennen. Von Diplomaten auf seine friedliche Ostpolitik angesprochen sagte er: Solange es mir vergönnt ist, ziehe ich es vor, mehr Wärmespender als Kälteträger zu sein.

 

Als ihn kirchliche Würdenträger besorgt fragten, wozu er sich, noch dazu in seinem Alter, die äußerst anstrengende Arbeit des Konzils antue, stand er auf, schritt seelenruhig zum Fenster, öffnete es ganz weit und sagte: Ecco, deswegen. Treffend sprach er aus, was ihn von den meisten Kurienkardinälen unterschieden hat: Ich bin der Papst, der aufs Gaspedal drückt!

 

Schon als Nuntius in Paris ging Roncalli sehr oft unter die Leute, sprach mit Clochards und Verkäuferinnen am Flohmarkt und kaufte Bücher. Bei einer Audienz hat ihm Pius XII. zu verstehen gegeben, dass dieses Herumspazieren der Würde eines Nuntius schade. Doch die Nähe zu den Menschen war ihm wichtiger als eine Würde, die Ausdruck von Berührungsängsten und narzisstischer Isolierung ist. Er war Seel-Sorger und nicht Würden-Träger.

 

So wird berichtet, dass er durch die Gärten des Vatikans spazierend mit Gärtnern ins Gespräch kam. Er fragte einen von ihnen, wie viele Kinder er habe und was er verdiene. Über den niedrigen Lohn war er entsetzt und verlangte, dass die Löhne der Vatikan-Angestellten wesentlich erhöht werden müssen. Als ihm der zuständige Prälat drohte, dass dann im caritativen Bereich eingespart werden müsse, sagte er: Dann müssen wir die Mildtätigkeit eben einschränken. Denn Gerechtigkeit geht vor Mildtätigkeit.

 

Am Tag nach der Konzilseröffnung setzte er sich demonstrativ zu den nichtchristlichen Delegierten. Er war ein Freund herzlicher Gespräche und ein neugieriger Seelsorger. Keine Kirche darf sich als einzig richtige gebärden. Keine Religion hat die Wahrheit gepachtet. Die Kirche ist nur das Sakrament der Einheit in großer Vielfalt. Roncalli spricht deshalb bescheiden von der christlichen Wahrheit. Einst sagte er: Wenn ich als Moslem geboren wäre, würde ich mich bemühen, ein guter Moslem zu sein.

 

Keine Angst vor Veränderung – ein jugendlicher Papst und sein Konzil
 

Eine Umfrage zum Thema Was können Erwachsene von Jugendlichen lernen? brachte 2006 ein aufschlussreiches Ergebnis. Vor allem drei jugendliche Verhaltensweisen standen im Vordergrund: Erstens kritische Fragen zu stellen und Standpunkte zu überdenken. Zweitens wirkliche Begeisterung zu entwickeln. Und drittens Berührungsängste zu Außenseitern abbauen.

Genau das waren die Stärken dieses Übergangspapstes, der von maßgebenden Kurienkardinälen immer wieder übergangen wurde, weil er jugendlich war. Seine leb-hafte Spiritualität hat die Weltkirche, das Volk Gottes unterwegs befreit und bewegt, nicht aber die vatikanische Zentrale. Diese versucht bis heute konsequent den Geist des Konzils zu verbannen.

 

Schon am 25. 1. 1959 hat Roncalli vor den versteinerten Kardinälen der Kurie, so wird es berichtet, die Einberufung eines Konzils angekündigt. Trotz heftigen Widerstandes setzte er das durch. Sein Wahlspruch war Obedientia et pax, Gehorsam Gott gegenüber und Friede auf Erden. In seiner Eröffnungsansprache des Konzils am 11. 10. 1962 nannte er drei Aufgabenbereiche, die durch das Konzil in Angriff genommen werden müssen: Die Einheit der Christen, der Friede auf Erden und die Erneuerung der Kirche.

 

Er distanzierte sich von denen, die in der modernen Zeit nur Fehlentwicklungen und Untergang sehen: Wir müssen diesen Unglückspropheten widersprechen, die immer nur Unheil voraussagen, als stünde das Ende der Welt bevor. So wie die Dinge heute liegen, werden wir von der göttlichen Vorsehung zu einer Neuordnung der menschlichen Beziehungen geführt.

 

Und er sagte weiter: Heutzutage zieht es die Braut Christi vor, eher die Medizin der Barmherzigkeit als die Strenge einzusetzen ... Mehr und mehr sind (die Menschen) überzeugt vom allergrößten Wert der menschlichen Person, die mehr Beachtung und Engagement verdient. Und, was am meisten zählt: Die Erfahrung hat die Menschen gelehrt, dass Gewalt gegen andere, militärische Rüstung und politische Vorherrschaft keine Lösung der schweren Probleme bringen, die sie belasten.

 

Der Vatikan-Hügel war sein Kalvarienberg

 

Es ist schon komisch: Der Katholizismus, wie ihn der Vatikan fordert, ist Struktur gewordene Berührungsangst vor dem wirklichen Leben der Menschen und vor dem Esprit der Botschaft Jesu. Denn der Vatikan wird von drei Ängsten beherrscht, die sich hinter Dogmen, Moralideen und Kirchenrechtsbestimmungen verstecken: Angst vor dem mündigen Gebrauch der Vernunft, Angst vor der Sexualität und vor den Frauen, Angst vor der Wirklichkeit der Botschaft Jesu und vor den Gaben des Heiligen Geistes.

 

Bevor Roncalli 1925 als Päpstlicher Delegat nach Bulgarien gesandt wurde, verbrachte er fast fünf Jahre an der Kurie in Rom. 1928 schrieb er seiner Schwester über die Enttäuschungen, Demütigungen und Sorgen, die ihm der Vatikan beschert hatte: Es verdross mich, dort die vielen kleinen menschlichen Erbärmlichkeiten mit ansehen zu müssen. Jeder sucht seinen Posten zu erhalten und Karriere zu machen und ist mit dem Geschwätz darüber beschäftigt. Welch eine Herabsetzung des Priesterlebens, nur seine eigen Bequemlichkeit im Auge zu haben, statt um die Ehre des Herrn und das Kommen seines Reiches besorgt zu sein.

 

Kaum Papst geworden, ernannte er die ersten Afrikaner und Südamerikaner zu Kardinälen und hob die Karfreitag-Fürbitte für die Bekehrung der treulosen Juden auf. Er hat darauf bestanden, dass das jahrhundertelange, schauerliche Verhältnis der katholischen Kirche zu den Juden auf die Tagesordnung des Konzils gekommen ist – gegen massiven vatikanischen Widerstand. Über diesen tiefsinnigen Witz hätte er wehmütig gelächelt: Ein frommer Jude betet innig in der Jesuitenkirche. Nach kurzer Zeit kommt der Pfarrer, klopft ihm auf die Schulter und sagt: „Es ist ja schön, dass Sie beten, aber wäre es nicht besser, wenn Sie das in der Synagoge tun würden?“ – Da blickt der Jude wehmütig auf zum Gekreuzigten und sagt: „Komm Jehoschua! Die wollen uns nicht! gehen wir!“

 

Während des Konzils gab es heftige Auseinandersetzungen. Besonders die Erklärung der Religionsfreiheit war äußerst umstritten. Als der Kölner Erzbischof Kardinal Frings bemerkt hatte, dass die Kurie dieses Thema abwürgen wollte, wurde er, wie er selber sagte, von heiligem Zorn gepackt. Schließlich ergab sich ein Verhältnis von etwa 2.200 Ja-Stimmen und 70 Nein-Stimmen.

 

Zehn Tage vor seinem Tod rief Roncalli seine nächsten Mitarbeiter an sein Krankenbett und sagte: Heute sind wir mehr denn je, gewiss mehr als in den letzten Jahrhunderten, darauf ausgerichtet, dem Menschen als solchen zu dienen, nicht nur den Katholiken, darauf, vorrangig und überall die Rechte der menschlichen Person und nicht nur der katholischen Kirche zu verteidigen ... Nicht das Evangelium ist es, das sich verändert: nein, wir sind es, die gerade anfangen, es besser zu verstehen.

 

Ein fröhlicher und humorvoller Papst

 

Johannes XXIII. war in mehrfacher Hinsicht das Gegenteil seines Vorgängers. Während der autokratische Pius XII. zu seinem ranghöchsten Mitarbeiter, dem Kardinalstaatssekretär, sagte: Ich brauche keine Mitarbeiter sondern Exekutoren, sagte Johannes XXIII. bei der Konzilseröffnung: Meine Person zählt nichts, ein Bruder spricht hier zu euch, der durch den Willen unseres Herrn zum Vater geworden ist.

 

Der Londoner Daily Express brachte im Oktober 1959 einen Bericht über das erste Jahr seines Pontifikates: Johannes XXIII. ist der erste fröhliche Papst. Heitere und humorvolle Selbstironie hat ihn ebenso bestimmt wie das Ernstnehmen der Menschen und ihrer Schicksale. Für ihn war das Hohelied der Liebe (1 Kor 13, 1-13) maßgebend. Und echter Humor ist ein Kind der Liebe zum Leben in seiner fast unendlichen Vielfalt, trotz allen Elends.

 

So schrieb Roncalli 1927 in sein Geistliches Tagebuch: Ich neige meiner Veranlagung nach sehr zur Gesprächigkeit. Auch das ist ein Geschenk Gottes, das mit Bedachtsamkeit und Maß angewandt sein will. Seiner Neigung, das Herz auf der Zunge zu haben, verdankt sich sein Charme, seine spontane Herzlichkeit und seine Kontaktfreude. Deshalb konnte er den Balsam der Güte in die Wunden der Menschen gießen. Seine Weltoffenheit, sein großes soziales Empfinden und sein Gespür für die Zeichen der Zeit sind Ausdruck dieser intensiven spirituellen Arbeit an sich selber als Mensch, Christ und Priester.

 

So wird berichtet, dass er in den stürmischen Zeiten des Konzils in der Kapelle gebetet und Angst vor dem eigenen Mut bekommen habe. Da vernahm er die Stimme von oben: Giovanni, nimm dich nicht so wichtig. Ich, der Heilige Geist, bin schließlich auch noch da! In den ersten Nächten seines Pontifikats störte ihn bei seinen Schreibarbeiten das Auf- und Abgehen der Wachen vor seinem Vorzimmer. Die Nobelgardisten bewachten ihn ständig und vernehmlich. Da ging er hinaus und sagte: Geht lieber schlafen. Auf mich braucht Ihr nicht aufpassen. Ich werde vom Heiligen Geist beschützt.

 

Schelmisch blitzt da seine humorvolle Selbstironie auf: O Gott, du hast doch gewusst, dass ich Papst werden soll. Warum hast du mich dann so hässlich gemacht? Und als er erfuhr, wie gering das Gehalt seiner zwölf Sänftenträger ist, sagte er: Die sollten eine Zulage für päpstliches Übergewicht bekommen.

 

Ein begeisterter Seelsorger

 

Dieser herzerfrischende Papst war konservativ und aufgeschlossen. Als Sanitäter im Ersten Weltkrieg hat er das Elend des Krieges erlebt. Er war Sekretär eines adeligen Bischofs, der sich im gewerkschaftlichen Kampf von Arbeitern aktiv beteiligt hatte und deshalb des Modernismus verdächtigt wurde. Auch über Roncalli hat die Inquisition einen dicken Akt angelegt! Er hat reiche diplomatische Erfahrungen in verschiedenen Ländern und Regionen der Welt gesammelt, in Bulgarien, Rumänien und in der Türkei, in Nordafrika und in Frankreich. Engherzigkeit und Engstirnigkeit waren ihm fremd.

 

Während des Zweiten Weltkrieges hat er tausenden Juden das Leben gerettet und das Elend der Menschen zu lindern versucht. So schrieb er 1941 aus Istanbul an seinen Neffen: Natürlich halten mich die Umstände des Krieges mit der Arbeit der Nächstenliebe beschäftigt, die übrigens der beste Teil meines Amtes ist. Denke an die vierzehn Werke der Barmherzigkeit. Der katholische Katechismus spricht von sieben leiblichen und sieben geistlichen Werken der Barmherzigkeit, die aktive Solidarisierung mit den Armen und Bedrängten aller Art voraussetzen.

 

Angelo Roncalli war ein Schalk von einem Italiener. Er stammte ja aus der Region Bergamo, der Heimat des Harlekins in der italienischen Komödie! Er hatte Vertrauen zu den Menschen, war leutselig und gutem Essen nicht abgeneigt. Als Historiker kannte er die Höhen und Tiefen der Geschichte des Christentums. Deshalb verachtete er die Idealisierung des Eigenen und die Entwertung des Fremden. Auch als Papst blieb er ein prophetischer Mensch und begeisterter Seelsorger. Unfehlbarkeitswahn war ihm fremd. Deshalb wurde er von allen Menschen guten Willens geliebt, geschätzt und verehrt. Das Bild des Guten Hirten (zu) verwirklichen war sein Bestreben.

 

Als er in einer schrecklichen Zeit (1945-1952) Nuntius in Paris war, sagte der französische Außenminister Robert Schumann: Er ist der einzige Mann in Paris, in dessen Gesellschaft man die physische Empfindung von Frieden hat. Und der Schwiegersohn Nikita Chruschtschows, Alexei Adjubei, sagte nach einer Begegnung mit ihm: Johannes XXIII. ist ein Mann von wirklicher und großer Einfachheit, vor dem man tiefen Respekt und unmittelbares Vertrauen empfindet. In seiner Gegenwart gibt es keine Verlegenheit, keinen Zwang.

 

Dieser Papst hatte echten Humor, der von einer tiefen christlichen Spiritualität und von Menschenliebe genährt wurde. Humor ist das Gegenteil von tierischem Ernst, von Rechthaberei und fundamentalistischer Erstarrung. Erich Kästner hat ihn als ernstestes Thema der Welt bezeichnet und sein Wesen tiefsinnig beschrieben:

 

Der Humor rückt den Augenblick an die richtige Stelle.
Er lehrt uns die wahre Größenordnung und die gültige Perspektive.
Er macht die Erde zu einem kleinen Stern,
die Weltgeschichte zu einem Atemzug
und uns selber bescheiden.

 

Literatur:

 

  • Willibald Feinig (2004): Vergessener Gesandter. Denkmal für Johannes XXIII. Otto Müller, Salzburg/Wien
  • Gaisbauer Hubert (2011): Ruhig und froh lebe ich weiter. Älter werden mit Johannes XXIII. Wiener DomVerlag. Wien
  • Robert Hutchison (1997): Die heilige Mafia des Papstes. Der wachsende Einfluss des Opus Dei. Droemer Knaur. München
  • Alfred Kirchmayr, Dietmar Scharmitzer (2008): Opus Dei. Das Irrenhaus Gottes? Edition Vabene. Wien/Klosterneuburg
  • Alfred Kirchmayr (2009): Witz und Humor. Vitamine einer erotischen Kultur. Edition Vabene. Wien/Klosterneuburg

 

Zum Autor:

Alfred Kirchmayr, Dr. theol., Dr. phil. (Psychologie, Soziologie). Lehrtätigkeit an verschiedenen Universitäten und Fachhochschulen. Psychoanalytiker in freier Praxis (seit 1976), Honorarprofessor der Sigmund Freud PrivatUniversität in Wien. Zahlreiche Veröffentlichungen: Kirchen- und Religionspsychologie, Konfliktforschung, Humor, Witz, Psychotherapie und Lebenskunst.

 

 

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