Brauchen wir ein drittes Vatikanisches Konzil?

08.10.2012, Hans Peter Hurka

 

Ein internationales Reformprojekt strebt ein „neues Aggiornamento“ an!

 

Vor 50 Jahren eröffnete Papst Johannes XXIII. am 11. Oktober 1962 das II. Vatikanische Konzil. Es hat neue Sichtweisen auf den Glauben angeregt und Neuerungen für die Kirche beschlossen. Der Papst gab dem Konzil das Motto des Aggiornamento, der Verheutigung der Kirche. Mit dem „Öffnen der Fenster“ wollte er, dass die Kirche die „Zeichen der Zeit“ erkennt und Schritte in die Welt und zur Moderne setzt. In den letzten Jahrzehnten ist jedoch eine zunehmende Restauration zu beobachten. Die Kirchenleitung hat Entfaltungen der Lehre und Reformen der Struktur wieder eingeschränkt oder zurückgenommen.

 

Dieser Tendenz treten "Wir sind Kirche" und die Reformgruppen der verschiedenen Länder entschieden entgegen. Das Projekt „Nuovo Aggiornamento- Vaticanum III: Stimme des Volkes“ soll den restaurativen Tendenzen entgegen wirken. Es ist ebenso sehr Appell wie Protest. Es appelliert an die Gläubigen, sich den Aufbrüchen des Zweiten Vatikanischen Konzils zu stellen und dessen Aufforderung, die Zeichen der Zeit im Lichte des Evangeliums zu deuten, auch im 21. Jahrhundert zu seiner Sache zu machen und handfest umzusetzen. Und es protestiert dagegen, dass die Kirchenführung sich den Reformen verweigert.

 

Ein Konzil wäre der Ort, an dem unterschiedliche Standpunkte in der Kirche ausdiskutiert und eine gemeinsame Lösung einmütig entschieden werden könnte. Dazu ist aber eine repräsentative Kirchenversammlung nötig, in der die verschiedenen zuvor in den Ortskirchen ausgetauschten und erprobten Meinungen der Kirchenbürgerinnen und Kirchenbürger angemessen vertreten werden. Ein solches „Kirchenvolkskonzil“ hat ein großes Vorbild, nämlich das „Apostelkonzil“, 20 Jahre nach dem Tod Jesu . Damals entschieden Petrus und die Ältesten mit der ganzen Gemeinde weitreichende Fragen. Ein Konzil, wo ausschließlich Männer ohne vorherige Rücksprache mit dem Kirchenvolk, noch dazu Bischöfe, die sich von Rom gängeln und als „firewall“ gegenüber dem Kirchenvolk benützen lassen, Entscheidungen treffen löst keine Fragen sondern schafft neue Probleme.

 

Das Projekt „Nuovo Aggiornamento- Vaticanum III: Stimme des Volkes“ ist eine Initiative der österreichischen Plattform „Wir sind Kirche“, der sich international viele Interessierte angeschlossen haben.  Es ist als Anstoß für die Weiterentwicklung der kirchlichen Praxis in der heutigen Zeit gedacht.

 

Kein nostalgischer Blick zurück, sondern ein Update für die heutige Zeit 

 

Das Projekt Vaticanum III ist entschlossen, in breiter internationaler Vernetzung und im Blick auf die Herausforderungen der Gegenwart die Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils wiederzulesen und eine Re-Vision, einUpdate in heutiger Sprache zu versuchen. 

 

Jede Gruppe wählt ein Konzilsdokument und macht sich in den nächsten zwei Jahren daran, es in unsere Zeit zu übersetzen. Ein von jeder Gruppe beschickter „Exekutivrat“ koordiniert diese Arbeit. Ab Herbst 2014 sammelt ein „Redaktionsteam“ die Ergebnisse der Gruppen und stellt sie zu einer „Stimme des Volkes“ zusammen. Dieses Dokument wird dann am 7. Dezember 2015 in einem großen „Reformmarsch der Völker“ nach Rom überbracht, „per acclamationem“ promulgiert und der Kirchenleitung übergeben. Das Projekt "Nuovo aggiornamento" hofft, dass sie die Kirchenleitung von den Reformbestrebungen überzeugen und so dazu beitragen kann, die vorherrschende Abwehrhaltung zu überwinden. Gleichzeitig werden die Gläubigen eingeladen das konkrete Leben aus dem Glauben selbständig, eigenverantwortlich und dialogbereit zu gestalten.

 

Beispiele augenscheinlicher Restauration

 

Zahlreiche Theologieprofessoren erhielten nach unfairen Verfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit Lehrverbote: Hans Küng, Gotthold Hasenhüttl, Jon Sobrino, Leonardo Boff, Tissa Balasuriya…

 

Ebenso verheerend ist, dass theologisch bestausgewiesene Wissenschaftlerinnen als Professorinnen an katholischen Fakultäten verhindert wurden. Erwähnt seien nur Teresa Berger und Regina Ammicht Quinn. Das Manko der katholischen Kirche in Sachen Geschlechtergerechtigkeit ist empörend.

 

Verschiedene Bischöfe, die Reformen der Kirche einforderten, wurden abberufen, etwa Bischof Jacques Gaillot (Frankreich), William Martin Morris (Australien), Robert Bezak von Trnava (Slowakei).

 

Kirchliche Gruppen und Orden wurden gemaßregelt: Die österreichische „Pfarrer-Initiative“, die irische Priesterbewegung „Association of Catholic Priests“, die Vereinigung der US-Ordensfrauen „Leadership Conference of Women Religious“ und das slowakische „Theologische Forum“.

 

In der Liturgie wendet sich Rom wieder hin zu Riten, die vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil gängig waren. Man fördert den alten tridentinischen Messritus in allen Diözesen, verbunden mit einer Betonung des Opfers und einer Tendenz zur Reklerikalisierung.

 

Internationale Organisationen und Universitäten werden an die Kandare genommen, zum Beispiel die Internationale Caritas und die katholischen Universitäten von Lima und von Löwen.

 

Seit Papst Johannes Paul II. wurde die katholische Kirche noch mehr zentralisiert. Dies widerspricht dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das die kollegiale Leitung durch die Gemeinschaft der Bischöfe unter der Leitung des Bischofs von Rom und mehr Eigenständigkeit der Regionalkirchen im Sinn eines Communio-Verständnis der Kirchenleitung festschrieb. Auf die Umsetzung, insbesondere im Kirchenrecht warten wir noch immer.

 

Alle diese restaurativen Maßnahmen entsprechen weder der Botschaft Jesu noch den Intentionen des letzten großen Konzils in Rom. Nicht alle Fragen der Gegenwart waren damals schon aktuell. Deshalb ist ein „Update“ dringend erforderlich. Das Projekt "Nuovo Aggiornamento - Vaticanum III: Stimme des Volkes" ruft deshalb alle, die an einer zeitgemäßen Reform der katholischen Kirche interessiert sind zum Dialog auf, damit überzeugende Ausdrucksformen unseres Glaubens in der heutigen Welt gefunden werden.

 

Wird der Dialog weiterhin von der Kirchenleitung verweigert führt dies dazu, dass die Kirchenbürgerinnen und Kirchenbürger selbständig und eigenverantwortlich ihr Leben aus dem Glauben heraus gestalten. "Wir sind Kirche" lädt deshalb ganz besonders die Kirchenleitung ein, das Gespräch mit den Gläubigen zu suchen und das "Jahr des Glaubens" zu einem ergebnisoffenen und ergebnisorientierten "Jahr des Dialogs" zu nützen.

 

Für den Vorstand der Plattform „Wir sind Kirche“: Hans Peter Hurka

 

 

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