Gedanken zum Hirtenbrief

04.10.2012, Rolf M. Urrisk-Obertynski

 

Nach 40jähriger ehrenamtlicher Leitungstätigkeit im Laienapostolat kann ich (u. a.) das Wort „Hirtenbrief“ schon nicht mehr hören. Dem Hirten liegt in erster Linie das Wohl der Herde am Herzen. Hirten vertreiben die verloren gegangenen Schafe nicht zur Strafe, sie holen sie zur Herde zurück. Davon ist bei vielen Bischöfen nichts zu merken. Umgekehrt verwahre ich mich dagegen, mit dem „Schaf in der Herde“ verglichen zu werden. Ich bin ein mündiger, selbstständig denkender und aus seinem gebildeten Gewissen heraus handelnder Christ und kein Schaf, das seiner Herde blindlings folgt. Und lamm-fromm bin ich schon gar nicht.

 

Wenn es stimmt, dass Reformen nur aus dem Glauben heraus kommen können (was niemand bestreitet), dann muss man fragen, mit welchem Recht die Bischöfe die Reformbewegungen maßregeln und ihnen damit explizit den Glauben absprechen. Gerade die in den Reformbewegungen engagierten Christinnen und Christen tun dies ausschließlich aus ihrem tiefen Glauben heraus. Im Unterschied zu vielen Bischöfen geht es ihnen/uns aber dabei in erster Linie um das Wohl der (mündigen) Gemeinde – um ein intaktes Gemeindeleben dort, wo sich die Gemeinde beheimatet fühlt – und nicht dort, wo es die Bischöfe haben wollen. Das sicherzustellen ist keine Glaubens-, sondern eine reine Strukturfrage.

 

Die Reform des Erzbischofs von Wien lässt jedenfalls das Getragensein von diesem Glauben missen, sie erfolgt eher unter dem Diktat des Sparstiftes. Und ihr Zustandekommen lässt jede Legitimität missen, ist sie doch unter Ausschaltung des betroffenen Klerus und der Laien entstanden. Sie ist weniger das Ergebnis der Sorge des Hirten für seine Herde sondern dient eher der Machterhaltung über sie.

 

Dabei ist die Begründung, auch die Kirchenbänke würden leerer sein, mehr als zynisch. Viele Kirchenbänke sind leer, weil sich Menschen zutiefst gekränkt von einer Kirche abwenden, von deren Kirchenleitung sie sich in menschenverachtender Weise behandelt fühlen, wie die wiederverheiratet Geschiedenen, die Homosexuellen, die laisierten Priester, und viele, die wegen der Missbrauchsfälle ihren Glauben an die Institution verloren haben. Dazu kommt die wachsende Gruppe derer, die in ihrem unmittelbaren Umfeld keine seelsorgliche Betreuung mehr vorfinden und nicht willens, oder in der Lage sind, diese anderenorts in einem fremden Umfeld zu suchen. „Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, bin ich mitten unter ihnen“ spricht der Herr. Er kommt zu uns. Dazu brauche ich nicht irgendwohin zu fahren.

 

Auch dafür tragen Papst und Bischöfe die Schuld – nichts von wegen Guter Hirte.

 

Dabei spricht der Kardinal immer wieder von der Bedeutung der Mission. Abgesehen davon, dass dieses Wort alleine schon aus historischen Gründen, weil negativ belegt (Missionierung mit Waffengewalt), endlich aus dem kirchlichen Wortschatz verschwinden sollte - die Verweigerung der Reformen macht gerade diese Zielsetzung unmöglich. Denn auch die (echten) Missionare gingen und gehen zu den Leuten und warten nicht darauf, dass diese in das Gemeindezentrum pilgern um dort den Missionar zu sehen und ihm andächtig zu lauschen. Wann begreifen die Bischöfe endlich, dass die Kirche zu den Menschen zu gehen hat, und nicht umgekehrt.

 

Zuletzt ein Wort zu der von den Bischöfen immer wieder artikulierten Gefahr der Kirchenspaltung: Diese hat sich längst vollzogen – und zwar auf drei Ebenen: Papst und Bischöfe versus Laien, Fundamentalisten versus Reformer (vorkonziliar versus nachkonziliar), Katholiken versus andere christliche Religionen (Rückschritte in der Ökumene). Für alle drei Ebenen tragen der Papst und viele Bischöfe die Schuld und die Verantwortung - und sicher nicht die Reformer/innen (aber auch die Schuld anderen zuzuweisen hat in der katholischen Kirche Tradition, wenn auch eine schlechte).

 

P.S.: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Wenn das Bild von den Bischöfen im Kurier vom 3. Oktober symbolisch für die Verkünder der Frohbotschaft des liebenden, barmherzigen, freundlichen Gottes sein soll, dann gute Nacht.

 

                                                                                       Prof. Mag. Rolf M. Urrisk-Obertynski
 

 

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