Verantwortung für 23 Jahre Versäumnis
Presse-Erklärung von Wir sind Kirche-Österreich zu den aktuellen Missbrauchsskandalen

Innsbruck, 11. Oktober 2018

 

Angesichts der jüngsten Enthüllungen über sexuellen Missbrauch in Institutionen der Katholischen Kirche auf der ganzen Welt fordert „Wir sind Kirche – Österreich“ die österreichischen Bischöfe auf, den kirchlichen Umgang mit dem großen Thema Sexualität nach Jahren des ungenügenden Hinschauens und Jahrzehnten des bewussten Wegschauens endlich einer ehrlichen und schonungslosen Analyse zu unterziehen, die sich am Wohl der Menschen und nicht an kirchlichen Normen zu orientieren hat.

 

Mit Scham und Ekel sowie unendlicher Traurigkeit nehmen wir die Erkenntnisse des Pennsylvania-Reports aus den USA und der sogenannten MHG-Studie aus Deutschland zur Kenntnis. Mit Wut und Empörung aber weisen wir darauf hin, dass gerade in Österreich die traurige Chance bestanden hätte, die Gefahren des psychischen wie physischen, speziell aber auch des sexuellen Missbrauchs in Institutionen der Katholischen Kirche frühzeitiger zu erkennen, zu analysieren und entsprechende Konsequenzen zum Schutz und Wohl der Menschen wie auch der Kirche zu ziehen.

 

Die im Jahr 1995 ans Licht der Öffentlichkeit gekommenen Missbrauchsvorwürfe rund um den Wiener Kardinal H.H. Groer, aber auch die seit dem Jahr 2010 bekannt gewordenen weiteren Missbrauchsfälle in der österreichischen Kirche waren eine schreiende und mehr als dringende Aufforderung, die gesamte katholische Sexuallehre auf den Prüfstand zu stellen. Mit einer ehrlichen und tabulosen Aufarbeitung der Missbrauchskrise rund um Kardinal Groer hätte die österreichische Kirche bereits vor einem Vierteljahrhundert beispielgebend für die gesamte Weltkirche sein können und so wohl auch viel Leid insbesondere von den betroffenen Menschen, aber auch von der Kirche selbst abwenden können.

 

Seit dem von mehr als einer halben Million Menschen unterzeichneten österreichischen Kirchenvolksbegehren 1995 und der daraus folgenden Gründung als Kirchenreformbewegung im gleichen Jahr fordert „Wir sind Kirche“ immer wieder eine positive Bewertung der menschlichen Sexualität und eine freie Wahl der Lebensform von Priesterinnen und Priestern. Während eine immer breiter werdende Mehrheit der Menschen an der Basis unserer Kirche diese Forderungen als im Kern richtig erkennt, verabsäumen es unsere Bischöfe aber nach wie vor, diese Themen offen und ohne Berührungsängste anzugehen und werden damit wesentlich mitverantwortlich für eventuelle weitere kirchliche Missbrauchsfälle in der Zukunft.

Dabei stehen sogar im Gästehaus des Vatikan die Zeichen mittlerweile auf Reform, hat doch Papst Franziskus die Sexualität in diesen Tagen als „schönsten Punkt der Schöpfung“ bezeichnet. Nun gilt es, dass die Kirche dem päpstlichen Bekenntnis Taten folgen lässt.

 

Daher erhebt „Wir sind Kirche - Österreich“ von Neuem unverändert seine Forderungen:

  1. Aufbau einer geschwisterlichen Kirche
  2. Volle Gleichberechtigung der Frauen in allen kirchlichen Ämtern
  3. Freie Wahl der Lebensform für Priester und Priesterinnen
  4. Positive Bewertung der Sexualität
  5. Frohbotschaft statt Drohbotschaft.

 

 

Für die Plattform „Wir sind Kirche“-Österreich:

Dr. Martha Heizer, martha.heizer@inode.at, 0650 4168500

Dr. Harald Prinz, harald.prinz@dioezese-linz.at, 0676-87765889 

Mag. Petra Schäffer, petra.schaeffer@aon.at, 0664/5610273

 

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