Innerkirchliche Reformansätze: (Frauen, Zölibat, wiederverheiratet Geschiedenene, Moral…)

Die weibliche Beratergruppe des Päpstlichen Kulturrates hat sich vergrößert und umfasst aktuell 36 Frauen. Das geht aus dem am 6. September verschickten Newsletter des Kulturrates hervor. Das Gremium entwickle sich „als Präsenz und Stimme der zahlreichen Felder im Leben von Frauen sowie als positive und kritische Unterstützung für die Initiativen“ der Kurienbehörde, heißt es in der kurzen Mitteilung. Vertreten seien Angehörige verschiedener Religionen und auch Nichtglaubende. Kardinal Gianfranco Ravasi, der Präsident des Päpstlichen Kulturrates, hatte die weibliche Beratungsgruppe im Juni 2015 ins Leben gerufen. An der ersten Sitzung nahmen 22 Frauen teil. Unter den Frauen, die der vatikanischen Beratungsgruppe derzeit angehören, sind die Google-Managerin Giorgia Abeltino, die Mode-Unternehmerin Lavinia Biagiotti, die Aufsichtsratspräsidentin des Kinderkrankenhauses Bambino Gesù Mariella Enoc, die Botschafterin Irlands beim Heiligen Stuhl Emma Madigan, die Ordensfrau Mary Melone als die erste Rektorin einer Päpstlichen Universität in Rom, die Leiterin des römischen Frauengefängnisses in Rebibbia Ida del Grosso sowie mehrere italienische Journalistinnen. (rv www.de.radiovaticana.va v. 6. 9.

 

Papst Franziskus lobt die argentinischen Bischöfe für ihren sensiblen Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen. Nach einem Prozess der Begleitung können die betroffenen Gläubigen im Einzelfall wieder zur Beichte und zum Empfang der Eucharistie zugelassen werden, heißt es in einer Handreichung der Bischöfe der Region Buenos Aires für ihre Priester. Ein „unbegrenzter Zugang zu den Sakramenten“ sei damit allerdings nicht gemeint, es gehe vielmehr um Entscheidungen im Einzelfall, betonen die Bischöfe. Diese Handreichung werde „sehr gut tun“, besonders wegen ihres Sinns für „seelsorgerliche Nächstenliebe“, lobte Papst Franziskus nun in einem Brief, aus dem die Vatikanzeitung „L´Osservatore Romano“ zitiert. Der Text sei ganz auf der Linie seines Schreibens „Amoris laetitia“ und lege das 8. Kapitel richtig aus; „eine andere Interpretation gibt es nicht“, stellt der Papst in seinem Brief klar. (www.de.radiovaticana.va u. kna v. 13. 9.; JA v. 25. 9.)

 

In dem kürzlich erschienen Buch des zurückgetretenen Papstes Benedikt XVI. outet sich dieser auch reformfreudig: So kritisiert er den „hochbezahlten Katholizismus Deutschlands“ und die Praxis der deutschen und österreichischen Kirchensteuer: Eine automatische Exkommunikation derer, die nicht zahlen, ist seiner Meinung nach nicht haltbar. (JA v. 18. 9.)

 

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, hat seinen früheren Vorstoß für eine Freiwilligkeit beim Zölibat bekräftigt. „Verheiratete Priester müssen zur Normalität werden", sagte er im Interview der „Rheinischen Post". Es gehe „nicht um die Abschaffung, sondern um die Aufhebung der verpflichtenden Verbindung von Priesterweihe und Zölibat." Als Grund für den Vorstoß nannte Sternberg den „katastrophalen Priestermangel“ in der römisch-katholischen Kirche Deutschlands. Papst Franziskus hatte zum Thema Priesterzölibat gesagt, die Türen für eine Diskussion seien offen. Sternberg bezeichnete die Lockerung der Zölibatspflicht als Alternativlösung zum problematischen Einsatz ausländischer Priester, die er „Import-Priester" nannte. (www.de.radiovaticana.va u. kna v. 21. 9.; JA v. 2. 8.)

 

Ein Schweizer Professor für Dogmatik an der Theologischen Fakultät Lugano tritt für die Teilhabe von Frauen am Weihesakrament ein. In seinem neuen Buch (Das Weihesakrament für die Frau - eine Forderung der Zeit? Zehn Jahre nach der päpstlichen Erklärung "Ordinatio Sacerdotalis", Verlag Franz Schmitt) geht Prof. Dr. Manfred Hauke grundlegend auf die Thematik ein: Um die Haltung der Kirche zu verstehen, ist zunächst auszugehen von Gott dem Schöpfer: Die ersten Seiten der Heiligen Schrift betonen: „Als Mann und Frau schuf er sie“ (Gen 1,27). Nach der biblischen Lehre sind Mann und Frau gleichwertig, aber nicht gleichartig. Die entscheidende Grundlage für die Lehre der Kirche bezüglich des Weihesakramentes ist das Verhalten Jesu: einerseits sein Einsatz für die Gleichberechtigung, andererseits aber berief er nur Männer zu Aposteln. Nach der eingehenden Diskussion der paulinischen Stellen und der Praxis der Urkirche, sowie nach einem Gang durch die Dogmengeschichte kommt Prof. Hauke zum Schluss, dass – wenn die Kirche an das Beispiel Jesu gebunden bleiben soll – „die Teilnahme von Frauen am Weihesakrament theologisch möglich“ ist. (www.kath.ch vom 22. 9.)

 

Römisch-katholische Reformgruppen organisieren am 1. Oktober, von 8.30 Uhr eine Mahnwache "Aktion Lila Stola" für mehr Frauen in Kirchenämtern. Vor dem Eingangsportal des Münchner Liebfrauendoms setzen sie sich für die Gleichberechtigung von Frauen ein. Anlass ist die Weihe zweier Männer zu Diakonen im Dom. Die Reformgruppen laden reformorientierte Gläubige zum Mitmachen ein. Während ihrer Mahnwache tragen sie lilafarbene Tücher, Krawatten und liturgische Bekleidung. (www.sueddeutsche.de vom 27. 9.)

 

Das Amt der Diakonin war in der frühen Kirche im Osten offenbar wesentlich stärker verbreitet als in Rom. Von rund 30 bekannten antiken Inschriften, die auf Diakoninnen verweisen, stammen nur eine aus Rom, zwei aus Italien, jedoch 25 aus der heutigen Südtürkei, schreibt der Archäologe und Epigrafik-Experte Carlo Carletti in der Vatikanzeitung „Osservatore Romano“. Als Grund für die stärkere Bezeugung von Diakoninnen im Osten vermutet der Wissenschaftler ein Nachwirken des Apostels Paulus, der in diesem Raum missioniert hatte. An dessen Verkündigung habe „eine beträchtliche Zahl von Frauen aktiv mitgewirkt“, so Carletti. Paulus erwähnt in seinem Brief an die Römer auch eine Frau namens Phöbe mit dem Titel „Diakonin“ (Röm 16,1). Begünstigend für Diakoninnen innerhalb der Kirche Kleinasiens könnte laut Carletti auch die räumliche Nachbarschaft zu Kulten wie der Montanisten oder Enkratiten gewesen sein, in denen Frauen kultische Funktionen ausübten. Laut Carletti konzentrieren sich die Inschriftenzeugnisse für Diakoninnen auf die Landschaften Lykaonien, Phrygien und Pisidien in der heutigen Südtürkei. Größtenteils handle es sich um Grabinschriften vom Ende des 3. bis Anfang des 6. Jahrhunderts. Zumindest in Pisidien findet sich ein Hinweis, dass eine Diakonin namens Nyna Mitglied der kirchlichen Hierarchie gewesen sei. In der westlichen Kirche entwickelte sich hingegen eine „fast völlige Unkenntnis weiblicher Dienstämter“. Papst Franziskus setzte im August eine wissenschaftliche Kommission ein, die die Rolle der Diakoninnen in der frühen Kirche untersuchen soll. (kna v. 28. 9.; Ja v. 9. 10.)

 

Die vatikanische Glaubenskongregation hat ein dreitägiges Symposion zur Rolle von Frauen in der Kirche abgehalten, das am 28. September zu Ende ging. Die Annäherung an das Thema erfolgte von zwei verschiedenen Themensträngen her: jenem der Definition der weiblichen Berufung in der alten katholischen bzw. nachtrentinischen römisch-katholischen Tradition und jenem der konkreten Rollen, die Frauen in der Kirche ausfüllen können. Es war das erste Mal, dass bei einer Konferenz der Glaubenskongregation ausschließlich Frauen als Vortragende in Erscheinung traten. Eingeladen waren rund 50 Theologinnen, Kirchenrechtlerinnen, Historikerinnen, Ordensfrauen und weibliche Laien aus aller Welt einschließlich des Vatikans. Im Tagungssaal waren auch Mitglieder und Konsultoren der Glaubenskongregation mit dem Präfekten, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, vertreten. Das Symposion selbst ging auf den ausdrücklichen Wunsch von Papst Franziskus zurück, sagte der Sekretär der Behörde, Erzbischof Luis Ladaria, zum Abschluss der Veranstaltung, die auf dem Campus der Päpstlichen Universität stattfand. Franziskus hatte wiederholt eine „Theologie der Frau“ angeregt, um den Ort und die Perspektive der weiblichen Getauften in der römisch-katholischen Kirche besser auszuleuchten. Das einleitende Referat hielt die in Fribourg lehrende Dogmatikerin Barbara Hallensleben, die sich dem Thema Frau in der Kirche über das Priestertum der Taufe und das Ehesakrament näherte. Die Bibelwissenschaftlerinnen Anne-Marie Pelletier und Mary Healy beleuchteten neue Erkenntnisse zur Frau in der Heiligen Schrift. Die Historikerin Lucetta Scaraffia sprach über Frauen in der Kirchengeschichte, die schwedische Dominikanerin Madeleine Fredell über weibliche Exerzitienmeister. Die Theologinnen Bruna Costacurta und Laetitia Calmeyn beleuchteten die Rolle der Frau in der Priesterausbildung. Eine rege Debatte entwickelte sich rund um das Thema der sexuellen Differenz („Gender“), das Bianca Castilla Cortazar und Deborah Savage vertieften. Am letzten Tag lieferte Sara Butler eine ekklesiologische Basis der Debatte um die Frau in der Kirche. Roms einzige Diözesanrichterin Linda Ghisoni sprach über das Kirchenrecht, die Missionstheologin Sandra Mazzolini über Zusammenarbeit in der Seelsorge. Die Redebeiträge sollen gesammelt in einem Tagungsband erscheinen. (www.de.radiovaticana.va v. 29. 9.; religion.ORF.at u. KAP v. 30. 9.)

 

 

Weitere aktuelle Hoffnungszeichen

  • Nach dem Rücktritt der Frauensprecherin des Obersten Rats der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) verspricht Präsident Ümit Vural mehr Posten für Frauen und mahnt zu mehr Frauen in Leitungsfunktionen und Moscheen. Vural reagiert nach dem Rücktritt mit einem Schuldeingeständnis: „Eines lässt sich nicht leugnen: In den politischen Entscheidungsgremien unserer Glaubensgemeinschaft sind Frauen immer noch deutlich unterrepräsentiert. Die Gleichbehandlung von Frauen in unseren Reihen ist bei weitem noch nicht verwirklicht.“ Mit diesem Vorhaben sei er angetreten. „Was verpasst wurde, gilt es nun nachzuholen.“ Konkret plant er, bis zur nächsten Sitzung des Schura-Rats, des Parlaments der IGGÖ, weitere Posten im Obersten Rat freizumachen. Das könne aber nur ein erster Schritt sein, so Vural. Vural nützt seine Botschaft auch zu einer Mahnung „an die Herren in der IGGÖ": „Geschlechterungleichheit ist eine Tatsache, die in unserer Gemeinschaft noch nicht überwunden ist.“ Man müsse daher mehr Frauen in der Leitung und Administration einsetzen. Denn, so Vural, „wir dürfen uns nicht weiter der Hälfte unseres Potenzials berauben“. (diepresse.com v. 12. 6.)

     

  • Der maltesische Bischof Mario Grech fordert für die Zeit nach der Corona-Krise seelsorgliche Reformen: „Es wäre Selbstmord, danach wieder zu denselben Modellen wie vorher zurückzukehren“. Er schlug vor, die Bedeutung von „Hauskirchen“ wieder zu entdecken. Was sie leisten könnten, sei während der Ausgangssperren deutlich geworden. Leider hätten Jahrhunderte des Klerikalismus das „Charisma der Familie als Hauskirche“ verdunkelt, dem gelte es nun gegenzusteuern und dafür die entsprechenden Strukturen zu schaffen. Grech nannte auch die „Synodalität“ als wichtige, künftige Priorität der Kirche. Es sei wichtig, dass Papst Franziskus diesen Begriff zum Thema der Bischofssynode von 2022 gewählt habe. Der maltesische Bischof ist Stellvertreter des Synoden-Generalsekretärs, Kardinal Lorenzo Baldisseri, und wird bei der Konferenz eine wichtige Rolle spielen. (vn v. 1. 6.)

     

  • Evangelische und römisch-katholische Theologen in Deutschland haben an Papst Franziskus appelliert, die historische Bannbulle von Papst Leo X. (1513-21) gegen den Reformator Martin Luther (1483-1546) außer Kraft zu setzen. Zugleich solle der Lutherische Weltbund (LWB) das Verdikt Luthers gegen den Papst als „Antichrist" zurücknehmen, heißt es in der zu Pfingsten veröffentlichten Erklärung des Altenberger Ökumenischen Gesprächskreises (AÖK) „Versöhnung nach 500 Jahren". Beide Verurteilungen stünden nach wie vor „wie Prellböcke" einer offiziellen gegenseitigen Anerkennung der evangelischen und römisch-katholischen Kirche im Wege, sagte der frühere Kölner Ökumene-Pfarrer Hans-Georg Link dem Evangelischen Pressedienst. Der bevorstehende 500. Jahrestag der Exkommunikation Luthers am 3. Jänner 2021 sei ein angemessener Zeitpunkt, diesen Anstoß endgültig aus dem Weg zu räumen. Die ökumenischen Bemühungen und Gespräche zwischen Katholiken und Lutheranern seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hätten dazu beigetragen, die damaligen Ereignisse in einem neuen Licht zu sehen. An die Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in Deutschland richtet der AÖK die Bitte um ein gemeinsames öffentliches Wort des Bedauerns über die damaligen Vorgänge und der Hoffnung auf Überwindung der gegenseitigen Verurteilungen. Dem 1999 in Altenberg bei Köln begründeten Kreis gehören nach eigenen Angaben rund 30 Theologinnen und Theologen an, unter ihnen die Tübinger Professorin für Dogmatik, Johanna Rahner, und die Direktorin des Ökumenischen Instituts an der Universität Münster, Dorothea Sattler. Eine gemeinsame Gedenkveranstaltung von Lutheranern und Katholiken soll in Rom stattfinden. Der Präsident des päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch, erklärte dazu: „Geschehenes können wir nicht auslöschen. Aber wir müssen darum besorgt sein, dass die Last der Vergangenheit nicht Zukunft verunmöglicht." (kap v. 4. 6.)

     

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