Genregulation verursacht Homosexualität

22.12.2012, Michael Odenwald

 

In ONLINE-FOCUS vom Donnerstag, 20.12.2012, 12:22 · berichtet FOCUS-Redakteur Michael Odenwald über Ursachen und Auslöser der Hoosexualität. Anbei der Bericht.

 

Ist Homosexualität angeboren, oder wird sie erworben? An dieser Frage scheiden sich die Geister schon lange. Jetzt glauben Forscher, die Lösung dieses Rätsels gefunden zu haben.

 

Für religiöse Fundamentalisten ist der Fall klar. Ihnen gilt gleichgeschlechtliche Liebe als Lebensstil, den Betroffene annehmen, oft sogar angeblich in einer bewussten Entscheidung. Lesben, Schwule, Bisexuelle, seien „gewählte sexuelle Identitäten“, meint etwa die Kinderärztin Christl Vonholdt, die Leiterin des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft, das zum Verein „Offensive Junger Christen“ gehört. Die sexuelle Identität sei nicht angeboren. Zum homophoben Standardrepertoire zählt auch die Klage, Homosexualität sei „wider die Natur“, Sex dürfe es nur zwischen Mann und Frau geben, um Kinder zu zeugen. Schwuler Sex dagegen sei eine Sünde.

 

Diese Sichtweise rief eine Reihe meist selbsternannter Experten auf den Plan, die Lesben und Schwulen von ihrer gleichgeschlechtliche Neigungen „heilen“ wollen. Ein Beispiel ist die hauptsächlich von evangelikalen Christen getragene „Ex-Gay-Bewegung“. Verankert ist sie hauptsächlich in den USA, vereinzelte Anhänger hat sie aber auch in Deutschland. 
 

Ihre Vertreter halten eine Veränderung der homosexuellen Ausrichtung von Menschen für möglich und erstrebenswert
 

Dazu entwickelten sie so genannte Konversionstherapien. Auf der Internetseite „Bibelseelsorge“ etwa heißt es, bei einer solchen Behandlung müsse man „den sehr langwierigen .... Weg gehen, die dem sündigen Verhalten zugrunde liegenden Bedürfnisstörungen zu finden und ihnen zu begegnen“. 
 

Früher waren Homosexuelle weitaus rabiateren „Umpolungsversuchen“ ausgesetzt. Ärzte versuchten es mit medikamentösen und hormonellen Behandlungen – sie sind in einigen islamischen Ländern noch heute üblich – oder mit operativen Eingriffen an Geschlechtsorganen und Gehirn. Beides hat erhebliche negative Folgen. Bei der Aversionstherapie mit dem so genannten Penispletysmographen erhielten sie bei Erektionen Elektroschocks, oder es wurden ihnen beim Ansehen nackter Männerbilder Brechmittel verabreicht. Auch sehr kalte Bäder sollten die warmen Brüder abkühlen. 

 

Erst 1992 strich die Weltgesundheitsorganisation WHO Homosexualität von der Liste eigener Krankheiten 

 

Viele dieser „Therapeuten“ berufen sich auf eine Studie des US-Psychiaters Robert Spitzer von 2001, in der er die prinzipielle Möglichkeit von Therapien zur Veränderung der Homosexualität ermitteln wollte. Dazu befragte er 200 Probanden, die angaben, von einer homo- zu einer heterosexuellen Identität gewechselt zu haben. Damit galt ihnen die Wirksamkeit der von ihnen absolvierten Therapien als bewiesen. Wegen der geringen Zahl der Probanden, ihrer Eigenangaben sowie dem Auswahlverfahren stieß die Studie jedoch rasch auf Kritik. Spitzer räumte ein, seine Ergebnisse träfen höchstens für eine kleine Gruppe religiös hochmotivierten Menschen zu. Die Idee, dass Menschen von Natur aus heterosexuell wären und es eine Wahlmöglichkeit für oder gegen Homosexualität gebe, nannte er „völlig absurd“. Im April 2012 zog er seine Studie zurück und erklärte, die Kritik träfe weitgehend zu. 
 

Homosexualität doch angeboren
 

Biologen und Sexualmediziner dagegen weisen derartige Therapieversuche als unsinnig und sogar potenziell schädlich für die Betroffenen zurück. Homosexualität gilt ihnen als eine Veranlagung mit biologischen Wurzeln. Tatsächlich gibt es zahlreiche Hinweise darauf, dass die sexuelle Präferenz in frühen embryonalen Entwicklungsphasen des Gehirns festgelegt wird. Homosexualität ist daher als eine der Heterosexualität gleichwertige Variante des sexuellen Begehrens zu betrachten und bedarf keiner „Therapie“. Allerdings wurden bis heute keine genetischen Grundlagen für die sexuelle Orientierung gefunden, mit denen sich die Veranlagungs-Hypothese belegen ließe. 
 

Zwar berichtete der US-Genetiker Dean Hamer 1993, er habe Hinweise auf ein „Schwulengen“ entdeckt 

 

Dies schien endgültig zu bestätigen, dass Homosexualität angeboren und damit eine normale Variante der menschlichen Natur ist, die nicht verändert werden kann. Doch in der Folge ließ sich die Idee der Vererbung von Homosexualität nicht erhärten. 
 
Jetzt aber fand ein internationales Forscherteam um den Evolutionsbiologen William Rice von der University of California in Santa Barbara heraus, dass Homosexualität doch angeboren ist. Ihrer Studie zufolge – veröffentlicht im Fachmagazin „The Quarterly Review of Biology“ – liegt die Ursache dafür tatsächlich nicht in den Genen, sondern in der Genregulation. Entscheidend dafür sind sogenannte epigenetische Faktoren. Dazu zählen Methyl- oder Phosphatgruppen, die sich an den Strang der Erbsubstanz DNS anlagern können. Sie regulieren die Aktivität der auf der DNS aufgereihten Gene und bestimmen, in welchem Ausmaß die von ihnen kodierten Proteine erzeugt werden. 
 

Im Normalfall sind die epigenetischen Merkmale (kurz: Epimarker) an ein Individuum gebunden und werden nicht vererbt. Jüngere Studien haben aber gezeigt, dass sie gelegentlich doch an Folgegenerationen weitergegeben werden können. 
 

Der Effekt gleicht der genetischen Vererbung 

 

Daran knüpfen Rice und seine Kollegen in ihrem neuen biologisch-mathematischen Modell an. Es verknüpft die Evolutionstheorie mit den neuesten Erkenntnissen über die molekulare Regulation der Genaktivität und mit der von Geschlechtshormonen abhängigen sexuellen Entwicklung. 

Eine Reihe geschlechtsspezifischer Epimarker entsteht im frühen Stadium der fötalen Entwicklung. Sie dienen dazu, den Fötus in späteren Reifungsphasen vor den starken natürlichen Schwankungen des Geschlechtshormons Testosteron zu schützen. Dieser Mechanismus bewirkt, dass ein weiblicher Fötus selbst bei einem außergewöhnlich hohen Testosteronspiegel im Mutterleib keine männlichen Züge annimmt. Für männliche Föten gilt dies umgekehrt. Manche dieser Epimarker betreffen die Ausprägung der Genitalien, andere die sexuelle Identität und wieder andere die Vorlieben hinsichtlich der Geschlechtspartner. 
 

Vorteil bei der Fortpflanzung 

 

Gelangen diese geschlechtsspezifischen Epimarker jedoch in die Keimbahn und werden von Vätern an Töchter oder von Müttern an Söhne weitergereicht, kehrt sich ihr Effekt um: Söhne nehmen teilweise weibliche Eigenschaften an – etwa die sexuelle Präferenz –, und Töchter entwickeln männliche Züge. Mit ihrem Modell konnten die Forscher überdies zeigen, dass der Mechanismus evolutionär Bestand haben und sich in der Bevölkerung ausbreiten kann. Denn die Gene, die diese geschlechtsspezifische epigenetische Regulation auslösen, bringen bei der Fortpflanzung einen Vorteil mit sich: Sie können die Fitness und damit die Attraktivität der Elterngeneration steigern. „Die Übertragung sexuell antagonistischer Epi-Merkmale zwischen Generationen ist der plausibelste Mechanismus für das Phänomen der menschlichen Homosexualität“, urteilt Studienmitautor Sergey Gavrilets vom National Institute for Mathematical and Biological Sciences in Knoxville (US-Staat Tennessee). 

 

Der Effekt könnte erklären, warum Homosexualität in manchen Familien gehäuft auftritt, obwohl ein entsprechendes Gen fehlt 

 

Zugleich wäre das Rätsel gelöst, weshalb es Homosexualität noch immer gibt. Würde sie genetisch vererbt, müsste sie aufgrund der natürlichen Selektion längst verschwunden sein. Doch durch die Weitergabe von Epimarkern an das jeweils „falsche“ Geschlecht entsteht sie gleichsam immer wieder neu. Deshalb ist Homosexualität in den meisten Kulturen bei Männern wie Frauen relativ häufig. 

 

Zugleich ließe sich erklären, warum es so viele schwule und lesbische Tiere gibt 

 

Im Jahr 2009 präsentierte das Naturhistorische Museum in Oslo bei einer Ausstellung Beispiele für homosexuelles Verhalten bei mehr als 1500 Arten, darunter schwule Grauwal-Männchen und lesbische Schimpansinnen. Zahlreiche Beispiele fanden sich auch in freier Wildbahn. So ermittelten verblüffte Zoologen in einer Möwenkolonie, dass 20 Prozent der Paare dasselbe Geschlecht haben. Im Juli 2009 machten zwei Pinguine des Zoos von San Francisco weltweit Schlagzeilen. Die beiden Männchen waren sechs Jahre zusammen und zogen auch ein Küken auf. Dann kam es allerdings zur Trennung, weil einer der Partner mit einem Weibchen durchbrannte. Weiter entdeckten US-Ornithologen 2003 bei einer Kolonie von Laysan-Albatrossen auf Oahu, der Hauptinsel Hawaiis, dass ein Drittel der Paare in Wahrheit aus zwei weiblichen Vögeln bestand. Daraufhin befand der Komiker Stephen Colbert, die vielen Albatross-Lesben bedrohten amerikanische Werte. Nun ist zu hoffen, dass die Studie von Rice und seinen Kollegen die in vielen Ländern grassierende Homophobie zurück drängt und Schwule sowie Lesben ein weiteres Stück Normalität beschert. 

 

Quelle : http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/sexualitaet/erotik/tid-28715/for...

 

 

 

 

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