Verantwortung von oben nach unten denken

Das „System Schwarz“ und die kirchenweiten Hintergründe

Presse-Erklärung von „Wir sind Kirche-Österreich“

Innsbruck, 20. Dezember 2018

Die schweren Irritationen in der Diözese Gurk machen deutlich, wie dringend es an der Zeit ist, kirchliches Leitungsverständnis in seiner Gesamtheit neu zu denken: Was in der Diözese Gurk nun an das Licht der Öffentlichkeit gekommen ist und worüber sich viele Menschen zu Recht empören, ist ja nicht die Verfehlung eines einzigen Tages, sondern offensichtlich das Resultat jahrelanger Fehlentwicklungen verborgen hinter kirchlichen Fassaden fernab kritischer Öffentlichkeit.

Diözesanadministrator Engelbert Guggenberger und das Gurker Domkapitel – denen für ihre

Offenheit und glaubwürdige Entschiedenheit sehr zu danken ist - klagen in ihrem Presse-Statement vom 18. 12. 2018 das „System Schwarz“ an. Über die Anklage und ihre Folgerungen hinaus aber ist auch zu fragen: Wie konnte sich ein solches System überhaupt etablieren?

Die Antwort muss dort ansetzen, wo Christinnen und Christen bei der Wahl ihres Bischofs keine entsprechende Mitsprache gewährt wird. Es war lange Zeit gute Praxis der Kirche, „dass von allen gewählt werden muss, wer allen vorzustehen hat” (Papst Leo der Große). Demgegenüber erscheinen Bischofsernennungen heute weitgehend als Resultat kirchlicher Hintertreppendiplomatie, die jegliche Transparenz vermissen lässt: Der von Rom Erwählte wird einer Diözese vorgesetzt und erhält dort von der Kirche das höchste Leitungsamt zugesprochen, ohne dass er für dieses von der Gemeinschaft vor Ort, für die er Verantwortung wahrnehmen soll, legitimiert worden wäre!

Entsprechend diesem Vorgang sehen sich viele Bischöfe in erster Linie Rom gegenüber

verantwortlich und erst in weiterer Folge der Gemeinschaft der Gläubigen vor Ort. Kirche aber ist und bleibt eine Gemeinschaft, die im Hier und Jetzt lebt und nicht einfach theoretisch von oben nach unten - von Rom nach Österreich - gedacht werden kann.

Der zweite Pol der gegenwärtigen Problemlage in der Diözese Gurk ergibt sich aus dem ersten und manifestiert sich als Mangel an Bereitschaft, bischöfliche Verantwortung durch jene Gemeinschaft, der man als Bischof verantwortlich ist, in ihren verschiedenen Bereichen regelmäßig überprüfen und auch beurteilen zu lassen. Weitestmögliche Transparenz und verbriefte Mitspracherechte der diözesanen Gremien inklusive entsprechender Kontrollen und entschiedener Konsequenzen bei Verstößen müssten in einer Kirche des 21. Jahrhunderts längst selbstverständlich sein. Eine Kirche der einsamen Entscheider und heimlichen Entscheidungen hingegen sollte endgültig der Vergangenheit angehören.

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